Die "Stumme Prozession"

in Vilgertshofen

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Der Umzug geht zurück auf eine Tradition vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Staatliche Verbote von 1770 und der Versuch der Säkularisation, dieses populäre Schauspiel zu unterbinden, blieben erfolglos. 1844 erklärten die königlich bayerischen Behörden wieder offiziell ihr Einverständnis. Allerdings sollten Mißstände abgestellt werden wie : " daß die Juden  und Henker vorstellenden Akteure wirklich den Kreuzträger mißhandeln und dafür von dem umstehenden Volke beschimpft werden." 1)

1) Die Stumme Prozession in Vilgertshofen im Auftrag der Bruderschaft zur schmerzhaften Muttergottes bearbeitet von Karl Filser, Monika                 Hotz, Anton Ziegenaus, St. Ottilien 1990, S. 5

Die Unholde werden mit Farben gekennzeichnet. Das scharlachrote Tuch, die blutige Henkersfarbe verweist auf das lodernde Höllenfeuer. Der hochgiftige Satanspilz, der sich durch einen blutroten Stiel vom Steinpilz unterscheidet, heißt Judenpilz. Nach dem Volksglauben sollen seine Sporen so giftig sein, daß man davon erblinden kann. Die Judenkirsche ist eine scharlachrote Beere. Mit dem umhüllenden Kelch heißt sie Judenhut. Die Frucht schmeckt verdächtig, säuerlich, bitter. Deshalb heißt sie auch Judenkuß. Das giftige Grün ist das Kennzeichen des Feindes der Hoffnung, des Satans. Die Zitrone heißt im l6. Jahrhundert Judenapfe1. Das Safrangelb wirkt wie die Nachäffung des goldenen Himmelslichtes. Goethe ist mit diesen Bedeutungen noch immer vertraut. Er erklärt in seiner Farbenlehre, wenn die gelbe Farbe auf unreine und unedle Oberflächen aufgetragen werde, wie auf gewöhnlichen Stoff oder Filz, könne sie auf diesem Untergrund nicht mit ganzer Energie erscheinen Es entstehe eine unangenehme Wirkung. Durch eine geringe und unmerkliche Bewegung werde der schöne Eindruck des Feuers und Goldes in eine „Empfindung des Kotigen verwandelt und die Farbe der Ehre und Wonne zur Farbe der Schande, des Abscheus und Mißbehagens umgekehrt." Die mittelalterliche Farbsymbolik scheint weiterhin zu gelten, wenn Goethe anmerkt : „Daher mögen die gelben Hüte der Bankerottierer, die gelben Ringe auf den Mänteln der Juden entstanden sein;"