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Anna
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- Die Eltern sind
unreligös, nicht konfessionsgebunden. Sie verstehen sich nicht
sehr gut. Das führt dazu, daß sich Anna politisch bald
selbständig macht. Anna geht 37/38 in die Maturaschule. Hier
lernt Anna ihren Jugendfreund kennen. Wolfgang ist politisch "
links " eingestellt. Er ist " ein ganz politischer Junge
". Ihr Vater diskutiert viel mit ihm. Wolfgang ist ein hoher
Funktionär in der illegalen kommunistischen Bewegung, den "
revolutionären Sozialisten ". Er wird als Jugendlicher
bereits in der Zeit des austrofaschistischen " Ständestaates
" inhaftiert. Anna und Wolfgang verstehen sich sehr gut. Anna
ist ihn sehr verliebt. Sie lernt von ihm sehr viel. Man unternimmt
Ausflüge mit gleichgesinnten Freunden. Anna bekommt Kontakt zur
kommunistischen Jugend. Ihre Mutter ahnt die politischen
Aktivitäten, hütet sich aber, danach zu fragen.
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- In der Maturaschule
sind Schülerinnen und Schüler, die aus politischen Gründen
von anderen Anstalten dimittiert worden waren. Anna wurde wegen
einer verbotenen politischen Kundgebung aus der Mittelschule
verwiesen. Sie war bei den " Roten Mittelschülern ".
Sie hat Flugblätter vor Fabriken verteilt. Sie gehört der
Parteijugend der KPÖ an. Sie ist aktiv in der " Roten
Hilfe ". Sie ist in der " Agitprop ", die über
den Faschismus aufklärt. Das entsprechende Schrifttum ist
verboten. Sie beteiligt sich an öffentlichen Auftritten, sogar
an " Brandaktionen ". Man schneidet mühsam aus
Zelluloidfilmen kleine Stückchen. Diese Brandplättchen
werden auf gehäuftes Stroh gestreut und entzünden sich
durch die Sonneneinstrahlung. In der Nähe von "
feindlichen " Unterkünften oder Veranstaltungen entsteht "
ganz gezielt ein schönes Feuer ", ohne daß damit
eine tatsächliche Brandstiftung beabsichtigt wäre. Anna
unterhält sich nicht mit den Eltern über ihre politische
Überzeugung. In ihre Klasse geht ein illegaler SS-, SA- und
HJ-Bursche. Sie treten sehr offen auf und erscheinen nach dem "
Anschluß " in Uniform. Einer der Naziburschen heißt
Eugen Pospischil. Er wird Popsi genannt. Annas politische Gruppe ist
nach dem März 1938 sehr gefährdet. Sie stellen die Partei
über alles, sind ihr ähnlich strenggläubig zugewandt,
wie andere Jugendliche ihrer Kirche. Die Freunde treffen sich in
einem Kohlenkeller und stellen fest, daß sie bespitzelt
werden. Sie beschließen, die Kontakte aufzugeben und sich
nicht mehr zu treffen. Außerdem wollen sie " die Partei
nicht belasten mit Volljuden ". Annas Jugendfreund Wolfgang
will nach Frankreich. Er will sich den Internationalen Brigaden beim
Bürgerkrieg in Spanien anschließen. Er wird in Frankreich
als verdächtiger Deutscher verhaftet. Er sieht aus wie ein "
deutscher Jüngling ". Er ist blond und blauäugig,
nicht beschnitten. Er wird nach Deutschland ausgewiesen, als ihm
seine Eltern schriftlich bestätigen, daß er Jude sei.
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- Anna wohnt in einem
Dreifamilienhaus in der großzügigen Villengegend beim
Türkenschanzpark. Sie beobachtet wie in der Nachbarschaft, in
einer vornehmen Vorstadtstraße von Döbling ein Lastwagen
vorfährt. Er hält vor dem Haus eines Bekannten ihrer
Mutter, der früher von Beruf Architekt war. Der sicher schon
achtzigjährige Greis und seine gehbehinderte, Tochter werden
mit Fußtritten aus dem Haus getrieben. Der alte Mann und die
etwa vierzigjährige Frau werden gewaltsam auf die Ladefläche
geschafft. Sie sollen nach Rußland deportiert werden. Anna
geht nach Hause, sperrt sich ein und weint.
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- Anna bekommt
Schwierigkeiten mit dem neuen Regime. Sie muß in der Schule
den Ariernachweis vorlegen. Sie wird rassisch und politisch
verfolgt. Sie lebt " ständig unter einem Damoklesschwert
". Sie gilt als " Mischling ", als "
minderrassig ". Ihr geht es psychisch nicht gut, "
sauschlecht ". Sie ist heimatlos und seelisch verletzt. Sie
befindet sich in einer großen Notlage. Sie sagt von sich, sie
sei " nie Jüdin gewesen ". Leute, die jüdisch
sind, der jüdischen Konfession angehören und gläubig
sind, finden bei der Israelitischen Kultusgemeine ihren Halt. "
Mischlinge " oder, Kinder von liberalen Juden, die getauft oder
wie Anna konfessionslos aufgewachsen sind, haben keine solchen
Möglichkeiten. Anna kommt durch Zufall auf die Seegasse, wo
sich " Mischlinge ", junge Leute, nicht - konfessionelle
Juden treffen. Anna geht dorthin " mit viel Kritik im Bauch ".
Sie durchschaut den " idyllischen Charakter ". Sie trifft
sehr nette junge Mädchen. Sie wird von Schwester Greta Andrén
freundlich aufgenommen. Sie sieht in ihr eine " tolle Frau mit
einer sehr starken Ausstrahlung ". Sie hält sie für
eine " ausgezeichnete Jugendführerin. " Sie ist von
ihr " absolut beeindruckt ".
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Detail einer Lebensmittelkarte
aus den Vierziger Jahren in Wien -
- Anna fühlt sich in
der Seegasse geborgen. Sie findet Trost und Rettung aus der
Isolation. Sie bekommt Hilfe und menschliche Zuwendung. Sie begegnet
sympathischen, netten jungen Leute, die sich auszudrücken
verstehen. Sie lernt ein Mädchen namens Lore kennen, mit dem
sie eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Allerdings hat sie
das Gefühl für die kirchliche Jugendgruppe zu alt zu sein.
Es wird dort über Glaubensfragen, aber nicht politisch
diskutiert. Sie stößt sich an der schwärmerischen
Verehrung für Schwester Greta. Sie hält das für "
maßlose Überschätzung und pubertäre
Verliebtheit in das eigene Geschlecht. " Sie will sich nicht so
leicht fangen lassen. Sie will nicht missioniert werden, nicht ihre
Seele retten lassen. Sie mokiert sich über die etwas elitären,
" gutbürgerlich Intelligenten ".
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- Sie muß
notgedrungen Konzessionen machen. Sie will nicht zu kritisch
auftreten, um die anderen Mädchen nicht durch eine verdeckte
Politisierung zu gefährden. Anna hält also keine "
linken Aufklärungsreden ". Ihre Auslegungen des
Evangeliums und theologischen Fragen werden sehr positiv
aufgenommen. Die anderen Mädchen bewundern die gedankliche
Klarheit, mit der sie sich mit Bibeltexten auseinandersetzt.
Schwester Greta findet, daß an ihr eine Missionarin
verlorengegangen sei. Sie versteht sich auch als eine solche, "
aber auf einer anderen Ebene ". Anna will die Schwedenmission
nicht belasten, die nur durch ihre Neutralität geschützt
und durch das Nazisystem gefährdet ist. Ihr ist klar daß
die Mitarbeiter der Schwedenmission, sich bis zum Äußersten
für ihre Schützlinge einsetzen, daß ihnen jedoch
unter den Bedingungen des " Dritten Reiches " enge Grenzen
gesetzt sind.
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- Anna - Lena Peterson
bittet Anna, sich um eine Familie in der Leopoldstadt zu kümmern,
die in einem " Judenhaus " zusammengepfercht ist. Der
Vater hat sich hilfesuchend an die schwedische Mission gewandt. Er
ist " furchtbar verzweifelt ". Er hat den Bescheid
erhalten, daß er deportiert werden wird. Er muß sein
Gepäck von höchstens 50 Kilogramm Gewicht zusammenstellen
und sich in einem Sammellager einfinden. Anna findet eine "
grauenhafte Situation " vor. Sie hilft, "die paar Netsch
", die letzten Habseligkeiten zusammenzusuchen. Die
Lebensumstände in der Wohnung sind schrecklich. Die Menschen
leiden offensichtlich äußerste Not. Die Kinder schlafen
auf dem nackten Boden, weil die Betten verkauft wurden, um den
Lebensunterhalt bestreiten zu können.
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- Anna nimmt den Pfarrer
Hedenquist ernst. Sie hält ihn für " stimmig ".
Er ist " ein fesches Mannsbild ". Er hat eine sehr liebe
Frau. Er biedert sich nicht an. Anna gehört zu den
Vertrauenswürdigen und Eingeweihten in der Seegasse. Sie
erfährt von der Schwester Greta oder seiner Frau, daß der
Pfarrer " Prostituiertenarbeit "macht. In einem kleineren
Kreis lernt sie " frei beten ". Man steht nicht allein dem
Kruzifix gegenüber. Man kommt sich dort sehr nahe, spricht
keine festen Gebete. Man trägt laut seine persönlichen
Anliegen und Bitten vor. Vor dem Kriegsausbruch wird eine ganze
Nacht gebetet. " Es war eine unnütze Sache, aber es war
trotzdem gut ". Anna will an einer Abendmahlsfeier teilnehmen.
Obwohl sie konfessionslos ist, wird sie nicht ausgeschlossen. Sie
ist tief beeindruckt. Im Haus in der Seegasse finden geheime, "
illegale Taufen " statt. Anna wird von Göte Hedenquist
getauft. Seine Frau Elsa fungiert als Taufpatin. Annas Mutter sucht
das beste Kleid heraus. Die Weihe wird vollzogen in einer " Art
Besenkammer in der Größe eines Doppelklos ", in der
ein Tisch als Altar steht.
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- Annas Mutter war
zweimal verheiratet. Ihr erster Mann, vermutlich Annas Vater, war
ein " Arier ". Anna ist als uneheliches Kind auf den
Geburtsschein verzeichnet. Sie hatte " zwei Geburtsscheine ".
Möglicherweise sind Dokumente dazu noch zu finden. Sie wurde
also geboren, als die Mutter bereits geschieden und noch nicht
wieder verheiratet war. Der zweite Ehegatte der Mutter legitimiert
Anna. Er hat keinen Bezug zur jüdischen Religion. In der
Familie herrscht infolge " der ganzen Mischgeschichten "
in dieser Hinsicht " ein Vakuum ". Der Vater ist "
ein Assimilierter ", ein " absoluter Humanist. " Anna
erfährt erst 1938, daß sie nicht von ihm abstammt. Sie
liebt ihren Ziehvater " wahnsinnig ", " vergöttert
" ihn. Er ist Jurist, " hochgebildet ", "
unglaublich gescheit ", " einer der gescheitesten Menschen
". Allerdings ist er etwas weltfremd. Er interessiert sich für
Politik. Die Tochter respektiert seine Einstellung. Er ist der "
Typ eines Gelehrten ". Sie nennt ihn noch heute ihren Vater.
Den leiblichen Vater hat sie nicht gekannt. Der Ziehvater wird 1942
nach Polen deportiert und dort ermordet.
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- Annas Mutter war
Schauspielerin. Sie leitet eine Schauspielschule, die
Öffentlichkeitsrecht hat. Die Mutter ist eine starke
Persönlichkeit. Sie denkt praktisch. Sie ist froh, als Anna
Kontakt zur Israelsmission aufnimmt, weil sie bemerkt daß es
ihr dadurch " wieder besser " geht. Sie betreibt die
amtliche Feststellung der Vaterschaft, um nachzuweisen, daß
ihre Tochter arischer Abstammung sei. Das Verfahren zieht sich hin.
Anna muß sich anthropologischen Untersuchungen unterziehen, um
klären zu lassen, ob sie arischer Abstammung ist. Sie wird ohne
eindeutigen Befund im anthropologischen Institut in der Sensengasse
vermessen und begutachtet.
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- Als Annas Freund
Wolfgang aus Frankreich zurückkommt, ist er über ihre
Annäherung an die Schwedenmission " sehr entsetzt ".
Sie versucht nicht, ihn vom christlichen Glauben zu überzeugen.
" Der Freund läßt sich nicht anmerken, wie befremdet
er über die neueste Entwicklung Annas ist. Die Gefährten
aus der kommunistischen Jugendbewegung werden denunziert. Sie fallen
einer großen Verhaftungswelle zum Opfer und werden
hingerichtet. Wolfgang schickt 1942 aus dem Sammellager in der
Sperlgasse in Wien einen Kassiber : " Erschrick nicht allzusehr
Mädi. Wir werden ausgehoben. " Anna und ein
Gesinnungsgenosse namens Walter wollen ihm eine Waffe schicken.
Wolfgang lehnt das ab. Er will auch nicht flüchten, weil er die
grauenhafte Rache an seinen Eltern fürchtet. Anna erfährt,
wann der Transport aus der Sperlgasse erfolgt. Sie beobachtet
zusammen mit Walter hinter einer Telefongasse das Geschehen. Sie
sieht, wie am hellichten Tage die Menschen auf Lastwagen verladen
werden. Sie erkennt Wolfgang und seine Eltern. Wolfgang trägt
den Pullover, den sie ihm gestrickt hat. Anna " zerreisst es
das Herz ". Die Passanten schenken dem alltäglichen
Vorgang der Deportation nach Polen keine Beachtung. Freilich ist zu
spüren, daß hier etwas schreckliches vor sich geht. Man
weiß " daß keiner zurückkommt ". Ein
Schutzpolizist stellt Anna, die sich auffällig lange aufhält,
zur Rede. Sie behauptet, daß sie wartet, bis das "
Telefonhüttel " nicht mehr besetzt ist. Wolfgang wird mit
seinen Eltern aus rassischen Gründen nach Polen deportiert.
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- Anna arbeitet untertags
elf Stunden in einer rüstungswichtigen Ofenschlosserei. Nachts
macht sie mit ihrer Mittelschulfreundin Susi Breitner "
Soldatenarbeit ". Sie stellt mit einer
Vervielfältigungsmaschine Briefe her, die nach Feldpostnummern
an Soldaten verschickt werden. Anna wird vorgeladen. Sie wird
interniert im gleichen Sammellager, aus dem ihr Freund Wolfgang
deportiert wurde. Sie muß längere Zeit in der "
geschlossenen Abteilung ", einem Raum der versperrt ist,
verbringen. Sie erlebt " ziemlich unschöne Sachen. "
Den Transport aus dem Sammellager empfindet sie als " arg ",
ist aber " relativ hart im Nehmen ". Die Fahrt auf dem "
schütteligen alten Lastwagen " führt am hellichten
Tag über die Ringstraße hinaus zum Aspangbahnhof. Anna
wird nach Theresienstadt deportiert.
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- Anna sagt, daß
sie gegen die evangelische Kirche " aus dieser Zeit noch heute
etwas hat ". Ist sie also enttäuscht, verbittert ? Unklar.
Sie betreibt in der Nachkriegszeit Sozialarbeit im Gefangenenhaus
des Landesgerichtes. Sie bietet Gesprächsgruppen an. Sie
betreut acht Jahre lang im Auftrag des Justizministers Broder eine
inhaftierte Terroristin in der Strafvollzugsanstalt Schwarzau bei
Wiener Neustadt. Sie leitet zwanzig Jahre lang die von ihrer Mutter
übernommene Schauspielschule.

- Peter
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