Ernst

Ernsts Vater ist gebürtiger Ungar. Die Großeltern leben in Budapest. Sie werden einmal im Jahr mit dem Donaudampfer besucht. Dort kann Ernst erleben, wie jüdische Feiertage begangen werden. Die Eltern sind areligiös. Der Vater ist Buchdruckereibesitzer und Begründer des Sensen - Verlages im Neunten Wiener Gemeindebezirk. Er bringt eine monatlich erscheinende Zeitschrift heraus, die über neuerschienene Bücher berichtet. Er hat sich aus bescheidenen Anfängen, einer kleinen Druckerei in der Spitalgasse, hochgearbeitet und gut verheiratet. Er besitzt eine Villa in Pötzleinsdorf, einem schönen Vorort der Stadt.

Als der Kanzler Schuschnigg in einer Rundfunkrede zu verstehen gibt, daß er Österreich kampflos den Nazis preisgeben will, weint Ernsts Vater "sehr intensiv". Es ist eines der wenigen Male, bei denen er sich so erschüttert und fassungslos zeigt. Ernst selbst bricht in Tränen aus. Er reagiert mit Schrecken auf die Ereignisse im März 1938. "Abscheulich viele Leute mit den netten Hakenkreuzbinden marschieren forsch und siegesbewußt herum". Es herrscht ein Rausch, eine unglaubliche Begeisterung. Die Hausmeisterin hängt an das Fenster gegenüber der elterlichen Wohnung ein riesiges Hitlerbild. Als sich die Mutter am Balkon zeigt, droht die Frau, indem sie mit einem Wäscheklopfer auf das Porträt weist: "Der wird's Ihnen noch zeigen!" Im November 1938 wird der Vater von SA - Leuten zuhause verhaftet. Die Uniformierten sind verlegen. Ihnen ist es sichtlich unangenehm und peinlich, einen Bekannten aus der Nachbarschaft abführen zu müssen. Die Mutter denkt in dieser bedrohlichen Lage praktisch. Sie gibt ihrem Mann warmes Bettzeug mit.

Ernst muß auf dem Schulweg mitansehen, wie die Synagoge in der Schopenhauergasse in Währing angezündet wird und unter der Aufsicht der Feuerwehr abbrennt. In der Schule werden die bisher im Geheimen für den Nationalsozialismus tätigen Lehrer zu Direktor und Stellvertreter ernannt. Einige Turnlehrer entpuppen sich als getarnte "Illegale". Jüdische Mitschüler werden "sekkiert" und geschlagen. Ernst bemüht sich, nicht aufzufallen. Er fühlt sich zurückgesetzt und mißachtet. Er schreibt verzweifelt und trotzig auf die hölzerne Tischplatte seiner Schulbank: "Vater war Teilnehmer des Ersten Weltkrieges". Er ißt in einem Speisehaus zu Mittag. Plötzlich betreten SA - Leute den Raum und fordern den jüdischen Gastwirt auf, mitzukommen. Er wird gezwungen unliebsame politische Parolen vom Straßenpflaster zu schrubben.

Der Vater bemüht sich vergebens, eine Bürgschaft für die Einwanderung nach Amerika zu bekommen. Er sieht klar die rassistischen Benachteiligungen und Bedrohungen durch die Nürnberger Gesetze. Er will Ernst in Sicherheit bringen, ihm eine Ausbildung und berufliche Zukunft in der Fremde verschaffen. Er bereitet ihn auf die Flucht aus dem Dritten Reich vor. Er soll zu seiner Schwester nach England auswandern. Er besucht in einem Betrieb in der Porzellangasse einen Schnellkurs für Buchdruckerei, der von der Israelitischen Kultusgemeine organisiert wird. Er sucht bei der Schwedischen Israelmission in der Seegasse ein "geistiges Heim". Hier findet er Rückhalt, wird er abgeschirmt und beschützt. Er erhält ein Jahr Taufunterricht. Er gewinnt die Überzeugung, Christus, sei der Messias. Er glaubt, die fortschrittliche evangelische Religion vollende Inhalte, die im Judentum angedeutet seien. Er ist überzeugt, daß mit der Taufe, die kurz vor seiner Abreise aus Wien vollzogen wird, ein neues Leben beginnt. Er stellt sich unter die Schutzherrschaft Jesu Christi. Die Eltern nehmen nicht an der Zeremonie teil. Ernst spürt, daß der Vater über seinen Entschluß nicht glücklich ist. Ernst bemerkt, daß seine begeisterte Überzeugung für das Luthertum von wenigen Zöglingen der Israelsmission geteilt wird. Er geht im Juli des Jahres 1939 auf die Fahrt nach Schweden. Er sieht darin ein Abenteuer. Der Vater ahnt, daß der Abschied endgültig sein wird.

Der Verlag des Vaters muß unter verschiedenen bürokratischen Schikanen und Reibereien zu einem äußerst niedrigen Preis an einen "verdienten Parteigenossen" verkauft werden. Die Eltern werden von den Nazis unter Druck gesetzt. Sie lassen sich scheiden, obwohl sie sich nicht entfremdet haben. Sie leben getrennt, in der Hoffnung, auf diese Weise ihren Besitz vor dem Zugriff des Staates zu retten. Trotzdem wird die Vorstadtvilla enteignet.

Ernst hält, während er in Schweden als Bauernknecht lebt, zwei Jahre lang mit seinen Eltern in Wien laufend brieflich Kontakt. Bei der schweren Arbeit für den ländlichen Laienprediger verletzt er sich an der Hand. Mit seiner Schwester, die nach England geflüchtet ist, verständigt er sich während der ganzen Kriegszeit auf dem Postweg. Wenn es ihm möglich ist, beschäftigt er sich mit dem Studium von Literatur. Er ist vom Protestantismus derart überzeugt und begeistert, daß er seinen Vater dazu zu bekehren versucht. Er bemüht sich verzweifelt, seinem Vater die Einreise nach Schweden zu ermöglichen. Er findet niemanden, der bereit und in der Lage wäre, mit seinem Vermögen dafür zu bürgen, daß der mittellose, alte Flüchtling nicht dem schwedischen Staat zur Last fällt. Der Vater kommt in ein Konzentrationslager. Herr Weisz besitzt noch die Bibel und möglicherweise die Briefe seiner Eltern aus dieser Zeit. Er ist nicht sicher, will aber suchen.

Gemälde einer Abendmahlsszene aus dem Gemeindesaal in der Seegasse

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Anna