Evas Eltern praktizierten beide als promovierte Mediziner. Die Mutter stammt aus einem katholischen Elternhaus, ist aber "nicht fromm". Der Vater ist konfessionslos aufgewachsen. Um kirchlich heiraten zu können, tritt er zum evangelischen Glauben über. Seine Frau hofft, daß "die liberalere Auffassung der evangelischen Kirche leichter zugänglich" für ihn sei. Immerhin muß er sich hier nicht der regelmäßigen Beichte und Fastenpflicht unterwerfen. Eva wird von der Oma Donetti zur Messe mitgenommen und ist sehr beeindruckt. Die Eltern besuchen regelmäßig mit ihren beiden Töchtern den lutherischen Gottesdienst in einem Betsaal in der Kenyongasse. Sie erziehen ihre Kinder "bewußt evangelisch." Sie achten sehr darauf, daß die beiden Töchter keine jiddischen oder jüdischen Ausdrucksweisen gebrauchen. Worte wie "Chuzpe" oder "Nebbich" sind völlig unbekannt. Als Eva aus der Schule nachhause kommt und feststellt, ihr sei "heute so mies", wird sie vom Vater zurechtgewiesen. Sie "weiß sofort, warum. Ohne Erklärung. Das hat genügt". Das arrivierte Judentum verachtet "die Polischen". Evas Mutter kauft in bestimmten Geschäften nicht ein. Sie erklärt: "Weißt Du, das sind Juden. Die behandeln ihre Angestellten sehr schäbig. Da gehen wir nicht hin."
Evas Vater ist ein "Assimilationsfanatiker" und ebenso glühender Gegner des Zionismus. Er will seine Familie von allem entsprechenden Gedankengut fernhalten. Er war Offizier in der k.k. Armee. Er hat sich während des Ersten Weltkrieges sehr für die Kriegsgefangenen eingesetzt. Er kommt erst 1920 aus der Gefangenschaft zurück. Er unterhält sich sehr gerne mit ärztlichen Freunden, die deutschnational denken und Allen, die deutsch und nationalistisch eingestellt sind. Einer davon ist "Onkel Helmut". Die Mutter und die Kinder haben ihn "sehr gern". Er ist ein "außerordentlich lieber, herzensguter Mensch". Er ist Ingenieur im Dienst der Staatsbahn. Die Männer unterhalten sich in gemäßigter Form über Politik. Man respektiert die Ansichten des Anderen. Erst viel später stellt sich heraus, daß "Onkel Helmut" illegaler Nationalsozialist war.
Eva ist als Volksschulkind in der Mitte der Zwanziger Jahre zu Besuch bei ihrer Großmutter Donetti. Die Dame raucht Zigarren und unterhält sich mit ihren Freundinnen. Eva ist nicht zu vertieft in ihr kindliches Spiel, um zu erkennen, daß die Rede auf ihren Vater kommt. Die Frauen mokieren sich über seine deutschnationale Gesinnung. Ein Satz prägt sich dem Mädchen tief ein: "Da redet er so. Und wann der hinkommt, täten's ihn erschlagen." Sie erfaßt das ganze Dilemma ihres Vaters. "Sie war in ihrem Leben nie so gescheit, wie sie als Volksschulkind war." Evas Vater ist "nicht ganz ahnungslos und nicht unbesorgt." Er liest Hitlers "Mein Kampf" und wird daraufhin "sehr österreichisch". Er erwärmt sich für die Idee eines österreichischen Ständestaates unter dem Diktator Dollfuß. Evas jüngerer, noch nicht schulpflichtiger Bruder wird kurzerhand in die katholische Kirche umgemeldet, die dem klerikalfaschistischen System nahesteht. Die Eltern befürchten, daß für ihn "im evangelischen Gesellschaftskreis kein guter Platz sein würde." Im Katholizismus hoffen sie auf größere Toleranz.
Im Jahre 1933 kommen Berichte über die einsetzende Judenverfolgung von der jüdischen Verwandtschaft aus Deutschland nach Wien. Eva weiß durch ihre Mutter, daß ihr Vater Jude ist. Er hat bisher versucht, diesen Umstand zu verheimlichen und es vermieden, sich in Evas Schule zu zeigen. Er hat das Gefühl, er sei "ein jüdisch aussehender Mensch." Er zitiert die Tochter zu einem vertraulichen Gespräch in sein Zimmer. Er setzt an, ihr die Herkunft seiner Familie zu erklären. Sie entgegnet: "No, das weiß ich doch längst!" Eine Mitschülerin, mit der sie noch heute befreundet ist, wendet sich vertrauensvoll an Eva. Sie sagt zu ihr, sie sei froh, herausgefunden zu haben, daß sie "halbjüdisch" sei. "Jetzt kann uns niemand mehr trennen, ich bin es auch." In ihrer Klasse sind drei jüdische und drei halbjüdische Mädchen. Eva wird von einem gleichaltrigen Mädchen gefragt: "Wie ist es, wenn man zweierlei Blut in den Adern hat?" Man weiß, welche Eltern sozialdemokratisch oder nationalsozialistisch eingestellt sind. Ebenso klar ist, wenn Elternhäuser jüdisch sind. Auch im Wohnhaus in der Apollogasse weiß man, "welche Familien was sind."
Eva ist im Juli 1934 mit ihrer Schwester Marta in einem evangelischen Kinderheim in Grado, das von Grazer Diakonissen aus geführt wird. Die frommen Frauen brechen in begeisterten Jubel aus, als die Radiomeldung bekannt wird, daß der österreichische Bundeskanzler Dollfuß bei einem nationalsozialistischen Putschversuch ermordet wurde. "In Graz waren die Evangelischen Nazis." Sie freuen sich auf den Anschluß an Großdeutschland, auf den Einmarsch des "Führers" in Österreich. Als der italienische Diktator für diesen Fall mit einem Einmarsch in Tirol droht, zerschlagen sich die Hoffnungen. Eine Diakonisse weint fassungslos und unglücklich : "Jetzt wird's nix." Sie wird von einer anderen Frau getröstet: "Aber Schwester Sigrid! Sie sind doch eine stramme Nazi! Sie werden doch jetzt nicht weinen! Der Führer wird genau wissen, wie er das regelt." Eva und Marta schweigen. Sie spitzen die Ohren, sind sehr aufmerksam, verhalten sich still. Sie fühlen sich betroffen, sehen genau, "was los ist." Drei Tage später kommt ein Brief ihres Vaters, in dem die Mädchen aufgefordert werden, sich vorsichtig zu verhalten.
Als der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg erklärt, er werde sein Land den Nazis kampflos preisgeben, sitzt die ganze Familie Woller-Donetti in der Wohnung in der Apollogasse am Radioempfänger. Eine "Weltuntergangsstimmung" macht sich breit, bei der es ihr noch heute kalt über den Rücken läuft. Man weiß, "was passiert." Eva und Marta sind trotzdem neugierig. Sie halten sich für "genau solches Wiener Volk, wie alle anderen." Sie beobachten mit gemischten Gefühlen, wie der neue Herrscher im offenen Auto durch die Mariahilferstraße in Wien einzieht. Die Mädchen jubeln nicht, aber sie heben die Hand zum neuen Gruß, weil sie "Angst haben, daß ihnen sonst was passiert."
Nach dem "Anschluß" ändern die Schülerinnen ohne Anweisung durch eine Lehrkraft ihre Sitzordnung nach der neuen Rassenideologie. Eine Mädchen will sich unauffällig in eine hintere Sitzreihe zurückziehen. Sie wird von den jüdischen Mitschülerinnen unter Protest auf ihre Seite gezogen und aufgefordert: "Setz' Dich auf Deinen ordentlichen Platz!" Eine Deutschlehrerin macht in der Vorweihnachtszeit ein nationalsozialistisches oder rassistisches Thema zum Unterrichtsgegenstand. Nach der Pause erklärt sie sich nur unter der Bedingung bereit, mit dem Unterricht fortzufahren, wenn Eva einverstanden ist, nicht an der Besprechung teilzunehmen. Eva hebt den Zeigefinger und meldet sich, weil sie noch etwas sagen will. Sie macht zur Erheiterung ihrer Mitschülerinnen schlagfertig einen situationsgerechten Wortwitz aus ihrem Namen: "Bitte, Frau Professor, darf ich stricken?"
Im Haus in der Apollogasse wohnen nebenan "nette Leute, bei denen beide Söhne Nazis sind." Herr Doktor Woller wird respektiert. Man grüßt sich höflich im Stiegenhaus, weiß aber, "wo der Andere politisch steht." Es kommt zu keinen persönlichen Feindseligkeiten. Die Mutter versteckt den Radioapparat, mit dem Auslandssender abgehört werden könnten, im obersten Schrankfach. Sie erklärt: "Bei uns darf nichts passieren, was verboten ist, sonst geht es dem Vater an den Kragen." In der evangelischen Stadtkirche wird Rassentrennung praktiziert. Am Eingang hängt ein Zettel "Juden bitte auf die Empore". Der evangelische Pfarrer in der Kenyongasse ist "ein hochbegeisterter Nazi", der den "Führer mit dem weißen Reiter aus der Apokalypse" vergleicht.
Eva muß, um zur Maturaprüfung zugelassen zu werden, den "kleinen Ariernachweis" erbringen. Eine Mitschülerin erfährt erst bei dieser Gelegenheit, daß sie einen jüdischen Großvater hat. Sie ist schockiert. Der Inhalt des Nachweises ist vor den anderen Schülerinnen nicht zu verheimlichen. Eva füllt für ihren Vater und Bruder die Fragebögen aus. Die Donettis sind als Arier angegeben. Eva muß bei einer Dienststelle der NSDAP entsprechende Urkunden und Nachweise vorlegen und das ausgefüllte Formular kontrollieren lassen. Der Vater, Herr Dr. Woller, hat die Zeile freigelassen, in der er nach der Behörde gefragt wird, die seinen Geburtsschein ausgestellt hat. Sein Geburtsschein wurde von der Israelitischen Kultusgemeinde ausgestellt, was von fremder Hand nachgetragen wird. Er gibt als Bekenntnis "evangelisch A.B." an. Der Vermerk wird "parteiamtlich" gestrichen und "mosaisch" nachgetragen.
Eva stößt auf die Israelsmission, weil die Pfarrersfrauen Patientinnen in der gynäkologischen Praxis ihrer Mutter sind. Sie hat in der Seegasse den Eindruck "mit einem Fuß im Himmel", "in Gottes Hand" zu sein. Sie findet einen Platz, wo sie "hingehört", wo sie sich zugehörig fühlt. Sie begegnet dort Gerda Hecht und Ruth Wagner. Die Drei unternehmen zweimal eine weite Rucksacktour. Sie haben viele Gemeinsamkeiten. Sie interessieren sich für ein Medizinstudium. Sie stecken in einer ähnlich schwierigen Lebenssituation, fürchten sich vor einer Deportation. Sie können sich ohne Angst vor Bespitzelung miteinander unterhalten. Sie fahren mit der Eisenbahn in das Salzkammergut, besteigen den Hochschwab, übernachten bei Bauern im Heu.
Eva muß in ihrem Medizinstudium "Rassenkunde" belegen. Am 13.9.1940 muß sie aus rassischen Gründen ihre Ausbildung abbrechen. Sie tritt noch während des Krieges zum Katholizismus über, wohl im Zusammenhang mit Pater Born und Otto Mauer, der "um vieles besser, als die Schweden" war. Der Vater muß die Ordination aufgeben. Er praktiziert als "jüdischer Krankenbehandler" in der Leopoldstadt in Untermiete. Er überlebt die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung.
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Gerda