Gerda

Gerdas Familie ist "nicht religiös eingestellt". Sie verachtet wie meist das aufgeklärte, fortschrittliche Wiener Judentum "die Polischen", die hauptsächlich in der Leopoldstadt neu zugezogenen, meist strenggläubigen Ostjuden. Sie sieht in ihnen "komische, abergläubische arme Schlucker", die sich bewußt absondern und nicht anpassen wollen. Frau Dr. Hecht bezeichnet das heute als "jüdischen Antisemitismus". Ihre Familie hält sich für fest integriert. Sie hat das Gefühl, als sehr bewußte österreichische Patrioten und eingesessene Wiener Bürger "etwas Besseres" zu sein. Der Vater ist katholisch aufgewachsen. Er war Berufsoffizier bei einem Pionierbattalion der k.k. Armee. Die Mutter gehört der jüdischen Konfession an. Bei der Heirat einigt man sich auf den evangelischen Glauben, weil jemand aus dem Bekanntenkreis einen helvetisch calvinistischen Pfarrer kennt. Gerda geht sehr gern mit dem katholischen Dienstmädchen zur Messe.

Gerda streut im Jahr 1937 mit anderen Schülerinnen in einem Park im vierten Wiener Gemeindebezirk Hakenkreuze, die aus Papier ausgeschnitten sind. Die verbotenen Zeichen werden auf den Boden, ins Gras, auf den Weg geworfen. Sie erzählt ihren Eltern von dem "großen Abenteuer". Sie reagieren entsetzt. Der Vater wird blaß. Er warnt sie, sich nie wieder auf ein derartiges Unternehmen einzulassen. Die Mutter verbietet ihr ausdrücklich eine Teilnahme an derartigem Unfug. Erst jetzt wird sie von ihren Eltern aufgeklärt, daß sie "keine Arierin" und der Sproß einer "Mischehe" sei. Sie wird nachdenklich, hat zum ersten Mal das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Die "Nazimädel" haben ihr eigentlich imponiert. Sie sind fesch und sportlich. Sie hätte gerne bei ihnen mitgemacht, an ihrer Aufbruchstimmung teilgehabt. Jetzt darf sie mit ihnen nichts mehr anfangen, gehört nicht mehr dazu. Sie wird aufmerksam auf die Widersprüche in ihrer Ideologie. Sie hat das Gefühl "anders" zu sein. Sie bekommt eine "Sonderstellung" in der Klasse.

In der Schule werden nach dem "Anschluß" alle Kinder und Jugendlichen Festsaal versammelt. Die Direktorin zeigt ihr neuerdings legales Hakenkreuzabzeichen. Am Anfang und Ende des Unterrichtes wird mit erhobener Hand gegrüßt. Gerda hebt ihre Hand nur bis zur Höhe der Schulter. Außerdem zeigt sie nicht offen ihre Handfläche, sondern läßt die Finger gekrümmt. Sie wird zurechtgewiesen, daß diese Geste leicht mit der erhobenen Faust verwechselt werden könne, mit der die Kommunisten grüßen. Es werden nationalsozialistische Schulungen durchgeführt. Hier erschrickt Gerda über den Satz: "Recht ist, was dem Volke nützt". Sie findet den Egoismus einer Gruppe ebenso verwerflich, wie den eines Einzelnen. Im Rahmen des Biologieunterrichts werden Rassenbestimmungsübungen veranstaltet. Die Schülerinnen sollen sich gegenseitig beurteilen. Solche, "die nicht arischer Abstammung sind, sollen lieber die Klasse verlassen". Gerda befürchtet, als "Mischling" erkannt zu werden. Als sie den Klassenraum verläßt, ist sie gebrandmarkt. Bei der Eisenbahnfahrt in den Schulskikurs sitzt sie auf einer Seite des Bahnabteils. Im Coupé gegenüber sitzen drei "Nazimädeln". Sie beginnen, herumzualbern und singen: "Freut Euch des Lebens, Großmutter wird mit der Sense rasiert...". Sie unterbrechen den Gesang, schauen Gerda an, tuscheln und höhnen schließlich: "Zwei Juden baden in einem Fluß, weil jede Sau einmal baden muß. Der Eine ist ersoffen, vom Anderen wollen wir's hoffen..." Gerda ist hilflos. Sie weiß nicht, ob sie den Mädchen in das Gesicht kratzen, einfach flüchten, oder sich ruhig verhalten soll. Sie bleibt starr vor Schreck und Peinlichkeit sitzen.

Gerda fehlen zum Schulabschluß mit Auszeichnung nur ein einziges "sehr gut". Sie bittet eine Professorin um die entsprechende Nachprüfung. Diese entgegnet: "Was? Du! Fällt mir nicht ein!" Gerda ist "sonst eher ein schüchternes Wesen". Aber am Nachmittag im Religionsunterricht fährt die gerade Siebzehnjährige die Lehrerin an: "Ich bin jetzt schon so lang auf der Welt und hab' noch nie einen Christen getroffen! Was erzähl'ns ma denn da dauernd von dieser G'schicht!" Nach der Stunde wendet sich eine Mitschülerin namens Eva Hirsch an sie mit der Frage "Möchtest Du Christen kennenlernen?" Gerda zeigt sich interessiert, "wo es die noch gibt". Eva empfiehlt ihr, zur Schwedischen Israelsmission in der Seegasse zu kommen. Gerda ist dieser Gedanke unangenehm. Ein Drittel oder Viertel ihrer Mitschülerinnen sind jüdisch. Sie sträubt sich dagegen, mehr als "unumgänglich nötig mit dem Judentum in Verbindung gebracht zu werden". Sie hat "als Mischling nicht gerade die Absicht, sich auf die jüdische Seite zu legen". Als "Halbe" versucht sie, "sich möglichst in der Mitte zu halten". Aber ihre angeborene Neugier siegt: "I möcht' no amal an Christen sehen". In der Seegasse beteuert sie, die Mission "nur anschauen", aber nicht bleiben zu wollen. Sie gewinnt aber bald die Überzeugung, hier einem "Katakombenchristentum" zu begegnen, in dem sich überzeugend Echtes, glaubwürdig Ursprüngliches erhalten hat.

Die katholische Verwandtschaft hofft, daß es ihr unter dem neuen Regime "endlich bessergehen" werde. Sie will nichts mehr mit Gerda und ihren Eltern zu tun haben. Die Angehörigen aus Oberlaa brechen den Kontakt ab. Freundinnen werden deportiert. Die Schwester von Gerdas Mutter wird nach Auschwitz verschleppt. Gerda fühlt sich selbst bedroht. "Ein Strom von Angst und Entsetzen" kommt auf sie zu. Sie weiß Bescheid über "Judenwohnungen" und Sammellager in Wien. Ihre Mutter gewährt Verfolgten, die sich vor dem Zugriff des nationalsozialistischen Staates verstecken müssen, Unterschlupf. Der Vater versteckt sich mit seinem Radioapparat unter einer Wolldecke, um unbeobachtet von den Nachbarn regelmäßig Auslandsnachrichten abhören zu können. Die Neuigkeiten sind wenig ermutigend: "Er siegt noch immer!" Man lernt englisch, um für ein Exil gerüstet zu sein. Die Mutter wird trotz einer Krankheit als Hilfsarbeiterin dienstverpflichtet. Der Vater verliert "wegen der jüdischen Heirat" seinen Beruf und muß bei der Organisation Todt Zwangsarbeit verrichten. Verwandte der Mutter werden deportiert und ermordet. Gerda ist noch während der Nazizeit vom Protestantismus zum Katholizismus übergetreten. Der Vater überlebt die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung.

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