Ilse ist die Tochter
eines Lehrers und einer jüdischen Ärztin. Sie wächst
mit ihrer Zwillingsschwester Helga zunächst in Linz, dann in
Wien auf. Die Eltern werden früh geschieden. Abitur 1939. Darf
nicht studieren. Die Schwester emigriert nach England. Ilse bleibt
zum Schutz ihrer Mutter in Wien., die somit als Mutter einer noch
unmündigen Halbarierin nicht deportiert werden darf. Neben
anderen Verwandten wird die Großmutter 1942 verschleppt und
umgebracht. Ilse versteckt nach Erreichen der Volljährigkeit
ihre Mutter vor dem Zugriff der Behörden. Unmittelbar nach dem
Krieg beginnt Ilse ein Medizinstudium. Sie schreibt ein Buch, in dem
sie sich mit ihren Erfahrungen auseinandersetzt. Ein Verleger
erinnert sich : " Eines Tages meldete sich bei uns, auf
Empfehlung des Kritikers und Journalisten Hans Weigel, ein
bildschönes, dunkelhaariges Mädchen, krampfhaft ein
Papierbündel unter dem Arm haltend. Es war Ilse mit ihrem
Roman, den sie, fast noch ein Kind, in den vergangenen Leidensjahren
geschrieben hatte. Wir lasen ihn, fasziniert, noch am gleichen Tag.
Ihr Buch erschien bald darauf als eine der ersten Publikationen des
Wiener Verlages. " Es gilt als dichterische Prosa. Der stark
chiffrierte,reduzierte, verknappte, parabolische Text wird zum "
das Buch unserer Zeit " erklärt. In
seiner" Wortklanghexerei "
werden " Traumzeichen der Nachkriegszeit " erblickt. Man
entdeckt in ihm die " geschliffene Härte chassidischer
Paradoxien ", bewundert die " zarte Anmut der Metaphern ".
Erich Fried bewundert " das gleichsam kindliche, scheinbar
verspielte Durchschauen der Welt. " " Warnende Stimmen
bemerken : " Dem Willen, Zeugnis von unserer Zeit abzulegen,
steht ein dichterischer Drang gegenüber, der sich um jeden
Preis Bahn zu brechen sucht und dadurch dieser bösen Zeit eine
Relativität verleiht, die ihr nicht zukommt. Der jungen Autorin
wird vorgeworfen : " Sie überrumpelt ihre fachkundigen
Zuhörer so sehr, daß sie sich gar nicht erst kritisch
auslassen, sondern einfach applaudieren. " Der "
kühne und schöne Erstling " setzt sich nicht durch.
Er wird zum " übersehenen Buch " , zum " Buch,
das geduldig auf uns wartet ". Kritiker stellen fest, der Roman
" leite eine " poetische Fluchtbewegung ein, die
kennzeichnend ist für den restaurativen Geist der Adenauer -
Epoche. " Sein Ästhetizismus sei weltfremd." Die
schmutzige oder anrüchige Herkunft aus der Geschichte wurde in
vermeintlicher Schönheit aufgelöst. Der unausgetragene
Schmerz ging in falschen Seelenfrieden auf. " "Walter
Jens hält den Roman dennoch für " ein Werk großer
lyrischer Prosa ", das auch heute noch " die einzige
Antwort von Rang, die unsere Literatur der jüngsten
Vergangenheit gegeben hat, " bleibt.
Die Hauptperson des
Romanes heißt Ellen. Sie versucht, ein Visum zu bekommen. Sie
möchte ihre Mutter, eine Jüdin, die nach Amerika flüchten
konnte, begleiten. Ihr fehlt der " große Nachweis "
, der Ariernachweis. Sie gilt als " Halbjüdin ", weil
sie " zwei falsche Großeltern und zwei richtige "
hat. Sie erfährt, was es bedeutet, ausgeschlossen zu sein. Die
Kinder im Hof wollen nicht mit ihr spielen. Der arische Vater hat
die Familie verleugnet und verlassen. Er hat Ellen gebeten, ihn zu
vergessen. " Ihre Mutter ist ausgewandert und ihr Vater ist
eingerückt. " Für das Mädchen bürgt
niemand. " Jeder Eisschrank hat einen, der für ihn
garantiert, nur ich hab' niemanden. " Sie muß bei ihrer
jüdischen Großmutter zurückbleiben. Sie versucht
vergeblich in die Tschechoslowakei zu flüchten. " Der
schwarze Wagen jagt hinter dem Fluß her ", wohl
donauabwärtsin das nahe
Pressburg. Um das Geld dafür zu bekommen, mußte sie den
geliebten alten Bücherschrank zu verkaufen, " der seinen
Preis der Erpressung verdankte. " Ellen und ein blinder Bettler
gehen " eine Mauer entlang ...rechts standen stille Häuser,
fremde Botschaften ". Sie laufen wohl an der Ostseite des
Belvedere, den stadteinwärts führenden Rennweg. " Wo
die Gasse zu Ende war, war der Himmel . Zwei Türme tauchten wie
Grenzposten aus den Botschaften. ".
Vom Schwarzenbergplatz bietet sich ein solcher Blick. Sie steigen
die Stufen eines Kirchenportales hinauf. Der Blinde setzt sich und
lehnt seinen Kopf an einen Pfeiler. Ellen wendet sich in ihrer Not
und Ratlosigkeit an den Heiligen Franz - Xaver, möglicherweise
einen der Kirchenväter über dem Altar der Karlskirche.
Sie fährt mit
anderen Jugendlichen verbotenerweise Karussell." Zwei Kilometer
tiefer liegt die geheime Polizei ", die Dienststelle der
Gestapo am Morzinplatz. Ellen wartet am Donaukanal darauf, ein
Findelkind aus den Fluten des Stromes zu retten. Sie will auf diese
Weise Anerkennung beim Bürgermeister finden, will wieder "
auf allen Bänken sitzen ", im Stadtpark spielen, in die
Tanzschule gehen dürfen. Sie spielt Verstecken " wo der
letzte Friedhof zu Ende geht ", vermutlich auf dem "
Grabeland " der israelitischen Kultusgemeinde, draußen
beim vierten Tor des Zentralfriedhofs. Sie hat " durch die
Dachluke die Tempel brennen gesehen " , wurde also Augenzeugin
des Novemberpogroms. Sie hat keine Möglichkeit mehr, mit einem
Kindertransport das Nazireich zu verlassen. Sie nimmt mit anderen
Kindern Englischunterricht bei einem alten bärtigen Mann in
einem Dachzimmer. Die Zusammenkunft wird von Angehörigen der "
Hitlerjugend " belauscht. Es kommt zu einer überfallartigen
" Hausdurchsuchung ". In der Folgezeit werden die anderen
Kinder deportiert
Gräber für
Konvertiten in der Israelitischen Abteilung des Wiener
Zentralfriedhofs,
die nach den Nürnberger
Gesetzen nicht mehr christlich beerdigt werden durften
Im Kapitel " Die Angst
vor der Angst " wird beschrieben, wie Ellen den "
Judenstern ", den sie nach denNürnberger Gesetzen
nicht tragen müßte, an ihren
Mantel näht. Mit ihrem alten, dünnen, dunkelblauen viel zu
kurzen Matrosenmantel steht sie vor den Schaufenster einer
Konditorei. Sie bewundert eine weißglänzende Torte, auf
der mit rosa Zuckerguß " Herzlicher Glückwunsch "
geschrieben steht . Sie weiß, daß sie mit dem Judenstern
das Geschäft nicht betreten darf. Sie hat seit Wochen gespart
und möchte das Prachtstück für ihren Freund Georg zum
Geburtstag kaufen. Sie wird von der Verkäuferin nicht bedient,
von den Gästen feindselig angestarrt. Sie wird bedroht und
unter Gewaltanwendung hinausgeworfen.
Ellen wohnt " Tür
an Tür mit Fremden , also unter
äußerst beengtenVerhältnissen in einer "
Juden wohnung. " Man hat " Angst vor dem Briefträger
" , der ein amtliches Schreiben bringen könnte. Eine
Freundin hat die " Aufforderung für Polen " erhalten.
Sie hat den schriftlichen Bescheid, daß ihre Deportation
unmittelbar bevorsteht. Sie verabschiedet sich von einem anderen
Mädchen, das nach Amerika ausreisen kann. Die Kinder haben
Angst, daß man sie " über die Brücken führt
" , über den Donaukanal in eines der Sammellager im
zweiten Gemeindebezirk verschleppt. Manche tragen den " Stern
im Gesicht " , sehen im landläufigen Sinn " jüdisch
aus ". Sie wissen, daß jüdische Menschen es schwer
haben, Einreisevisa für neutrale Länder zu bekommen. "
Die Welt jagt uns von Tür zu Tür ". Die Großmutter
begeht Selbstmord. Schließlich kommt ein " Fremder im
Auftrag der Behörde ", also
ein " Ausheber ", der den Auftrag hat, die Kinder solange
aufzuhalten, bis sie abgeholt werden.
Im Text finden sich
immer wieder Zitate aus dem Neuen Testament, die wohl auf den
Bibelunterricht der Schwedischen Israelmission zurückgehen. Mit
" Wie Herodes die drei Könige täuschen wollte "
wird auf den bethlehemitischen Kindermord angespielt. Angesichts des
Lastwagens, den die zur Deportation bestimmten Kinder besteigen
müssen, ertönt ein " Fürchtet euch nicht ! ...
Denn siehe, ich verkündige euch eine große Freude ".
Der Name des ersten Romanes von Ilse Aichinger scheint mit einem der
letzten Gedichtes von Ernst Lissauer unmittelbarem Zusammenhang mit
dem zu stehen :