Mischgeschichten

Seegasse

Die Seegasse hat ihren Namen von einem Seitenarm der Donau, der schon vor langer Zeit verlandet ist. Hier ist einer der ältesten israelitischen Friedhöfe Wiens. Die Seegasse liegt im Alsergrund. In diesem Stadtbezirk Wiens, der Wohnraum für die angesehene und begüterte Mittelklasse bietet, bilden Juden einen dicht gruppierten, in sich geschlossene, separaten Teil der Bevölkerung. Der Anteil der Ärzte, Anwälte, Autoren und anderer Freiberufler ist überproportional hoch. In der Nähe der Universität und der Leopoldstadt, dem Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Wien, versammelt sich eine "aufstrebende jüdische Bourgeoisie". In der benachbarten bürgerlichen Josefstadt lassen sich selten Juden nieder. Der Pfarrer Göte Hedenquist amtiert in der Seegasse 16. Er ist Präsident und Missionsleiter in Wien. Pastoren und Schwestern wohnen in den oberen Stockwerken der Seegasse. Greta Andrén, Diakonissin, ist der "Schwarm" vieler weiblicher Täuflinge, hat einen starken Einfluß auf die Jugendgruppen. Das Haus gegenüber dem Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde gehörte früher einem jüdischen Wohltätigkeitsverein. Die Räume sind vielfach mit jüdischen Emblemen geschmückt. In den Vortragssälen ist das Bild des bekannten Zionistenführers Dr. Theodor Herzl, sowie eine Karte von Palästina angebracht.

Die "Schwedische Gesellschaft für Israel" ist der Schwedischen Mission Stockholm, 6, Idungatan 4 angeschlossen. Sie hat sich im Juni 1922 in Wien als Verein konstituiert. Die Missionsstation Wien bezweckt "die Hebung und Vertiefung des religiösen Lebens auf christlicher Grundlage, sowie innere und äußere Mission". Sie veranstaltet Vorträge, und Versammlungen, vertreibt Druckschriften. Sie bewirtet Kinder, beschenkt sie mit Wäschestücken, unterhält ein Kindererholungsheim in Weidling, Hauptstraße 156. Man bemüht sich "daß die Juden ein Verständnis für das Christentum bekommen." Man sucht "die wechselseitige Verständigung". Öffentliche Veranstaltungen und Vorträge finden statt. Man führt Dialoge, veranstaltet Gottesdienste, Bibelkreise und betreibt soziale Arbeit.

Am 2.12.1922 abends findet im Betsaal in der Seegasse wieder ein Missionsvortrag statt. Weil sich Gegner eingefunden haben, kommt es zu "Lärmszenen". Die Polizei wird gerufen. Nach einer Stunde wird die Veranstaltung abgebrochen. Die Teilnehmer entfernen sich. Auf der Straße wird ein junger Juweliergehilfe beschuldigt, mit einem Schlagring bewaffnet zu sein. Er wird ohne daß eine Waffe gefunden wird, "perlustriert". Am folgenden Tag versammeln sich hundert Menschen vor dem Haus. Einem herbeigeeilten Polizeibeamten wird erklärt, daß in dem Gebäude "Judenmädchen zurückgehalten würden, um sie zwangsweise zu taufen." Die empörte Menge macht Anstalten, in die Missionsstation einzudringen. Die Sicherheitswache drängt die Demonstranten ab. Der Bezirksleiter des Polizeikommissariates Alsergrund begibt sich mit einem Vertreter der aufgebrachten Zuschauer das Innere. Er will erfahren haben, daß hier 23 jüdische Kinder eingesperrt seien, "um sie dem mosaischen Glauben abwendig zu machen." Der Leiter der der Zweigmission der schwedischen Gesellschaft für Israel, Emil Weinhausen, ist mit einer Hausdurchsuchung einverstanden. Es wird nichts Verdächtiges gefunden. Die mißtrauischen Demonstranten vermuten aber, man habe "die Judenmädchen bereits in ein der Mission gehöriges Haus nach Hadersfeld gebracht, damit sie die Wiener Behörde nicht finde." Ein "Freies Aktionskomitee der Judenschaft Wiens" gibt ein Plakat heraus. Der Mission wird vorgeworfen, "jüdische Kinder zu verführen und irrezuleiten." Das sofortige Verbot der Gesellschaft wird gefordert.

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Eva