3. Große Zeit

Sedlmayr hält Ende Mai 1937 einen Vortrag in der Hauptstadt Nazideutschlands, über den der „Völkische Beobachter“ ausführlich berichtet.99 100Er behandelt die „Rolle Österreichs in der Geschichte der deutschen Kunst“,101 Mehrfach wird die „gesamtdeutschen Kunst“ hervorgehoben, wird die „Reichsidee“ betont. Ein durchschlagskräftiger „Reichsstil“ habe im 17. Jahrhundert die in der deutschen Baukunst bestehende italienische Fremdherrschaft gebrochen in einer Zeit, „in der die siegreichen Heere im Osten dem Namen des Deutschen Reiches einen neuen Glanz verliehen“ hätten. Der Gast aus Wien nimmt den bald folgenden „Anschluß“ vorweg, wenn er unter großem Beifall des dichtgefüllten Auditoriums feststellt, „daß es die Aufgabe der Zukunft sein wird, den Riß zu schließen, den in der Vergangenheit staatliche Mächte oft zwischen der Kunst Österreichs und Gesamtdeutschlands gezogen haben“ . Er publiziert 1938 in Leipzig und München.102 Im Januar dieses Jahres tritt er der illegalen NSDAP und dem verbotenen Nationalsozialistischen Dozentenbund bei und erhält die Bestätigungskarte der Ortsgruppe Wien Pötzleinsdorf mit der Nummer 586.103



In München erscheint 1938 „Die politische Bedeutung des deutschen Barock“ eine Festgabe Sedlmayrs für Heinrich Ritter von Srbik mit dem zukunftsträchtigen Titel „Gesamtdeutsche Vergangenheit“Der Aufsatz ist dem Wiener Historiker und Professor von Srbik gewidmet, der eine großdeutsche Lösung vertritt. Er war von 1929 bis 1930 Unterrichtsminister in der Regierung Schober, der am 15. 7. 1927 als Polizeipräsident von Wien den Arbeiteraufstand niedergeschlagen hatte.104 Zeitgemäß wird die „Erneuerung der Reichsidee“ ausgeführt.105 Der Reichsstil sei politisch bedingt.106 Seine Geburtsstunde sei „fast gleichzusetzen mit dem letzten großen politischen Ereignis, das die Stämme des Deutschen Reiches noch einmal in einem gemeinsamen Staatsbewußtsein zur Tat zusammenschloß. Die Karlskirche gilt nun als "Reichskirche des barocken deutschen Kaiserreichs" 107
 
Im Jahres des Anschlusses Österreichs an Nazideutschland untersucht er die politische Bedeutung des deutschen Barock im Hinblick auf eine „Gesamtdeutsche Vergangenheit“ und kommt dabei auf den „Reichsstil“ zu sprechen. Der seit 1690 entstehende deutsche Barock der Prinz-Eugen-Zeit, der Barock der der Dientzenhofer und Fischer von Erlach, der Hildebrandt und Prandauer, der Süddeutschland bis in den Thüringer Wald ergreift, ist nicht eine bloße Abzweigung des italienischen Barock auf deutschem Boden.108 Er ist ein "gemeindeutscher" Stil.109 Verantwortlich für seine Herausbildung ist die "Auslese und 'Hochzüchtung' vorhandener Formen - also eine Art geistiger Zuchtwahl".110
 
Der "Reichsstil" hat eine "unersetzliche Funktion im Ganzen der deutschen Kunst und der deutschen Geschichte" 111, Er schafft "für Europa eine neue, eine deutsche Mitte, welche die europäischen Extreme überwölbt und versöhnt."112 Er bildet "eine deutsche Mitte", ist "durch und durch deutsch und doch europäisch", "tief deutsch"113 und schafft Werke von "gesamtdeutscher Bedeutung".114 Die kriegerischen Erfolge im Osten und Westen tragen wesentlich dazu bei, den Geist der Abwehr zu stärken. Infolge der neuen Größe des Reiches, "die sich in den ersten Siegen über die Türken und in der Selbstbehauptung gegenüber Frankreich bestärkt hat"115, geschieht eine „Rückbindung an das Volkliche“, „eine Berührung mit dem Volksboden“.116 "Das neuerwachte Selbstbewußtsein Deutschlands"117 verlangt nach Werken der Baukunst, "die die Größe des Reiches widerspiegeln„. Sie sollen Frankreich, den auf den Schlachtfeldern Ungarns mitbesiegten „Feind des Kaisers“ auch auf kulturellem Gebiete schlagen. "118 Ein "neuerwachtes Reichsbewußtsein"119 äußert sich auch darin, " daß nun überall die ausländischen Baumeister weichen müssen."120 Deutsche Künstler siegen über Ausländer, "die bis dahin tonangebend gewesen waren". 121 Es kommt zu einem "Triumph der deutschen Kunst".122
Sedlmayr bekennt sich öffentlich als Großdeutscher und begrüßt den Anschluß Österreichs an Hitler-Deutschland.123 Er wird von den neuen Machthabern mit der „Ostmark-Medaille“ bedacht, da er er sich „vor der Annexion Österreichs Verdienste um die NSDAP erworben hat.“124 In der Festschrift für Wilhelm Pinder125 wird " am Tage des Großdeutschen Reichs" der Geehrte, dessen 60. Geburtstag Sedlmayr " im Lichtschein dieses kaum noch begreiflichen Ereignisses" des Zusammenschlusses zur "deutschen Einheit" sieht, überschwenglich mit dem Hitlergruß beglückwünscht. Der Gratulant bezeichnet sich selbst voll Begeisterung als „reichsdeutsch “.126 Hier hat Sedlmayr, der nach kurzer Assistentur und Extraordinariat 1936 die Nachfolge Schlossers auf der Wiener Lehrkanzel angetreten hatte, sein gesamtdeutsches Reichsmodell in die NS-Bewegung hineingerettet. 127
 
Sedlmayr fungiert bei der Vereidigung der Professoren im Jahre 1938 als Schriftführer. Diese Verwendung deutet auf seine Eigenschaft als „Illegaler“ hin.128 Man schwört, „Adolf Hitler treu und gehorsam zu sein.“129 Sedlmayr gehörte vom 7.11.1930 bis zum Jahre 1932 der NSDAP als Mitglied an, trat nach seiner eidesstattlichen Erklärung vom 11.5.1938 mit der Bitte aus, ihn weiter als mit der Partei sympathisierend zu betrachten und ist nach dieser Erklärung am 1.1.1938 in die NSDAP eingetreten. Weder die Bestätigung seines Austrittes aus der Partei, noch der Zeitpunkt seines Wiedereintrittes erst nach dem 13.3.1938 konnte von dem zu Beurteilenden nachgewiesen werden.130
 
Sedlmayr schreibt einen Aufsatz zur Stadtplanung Wiens im Frühjahr 1939.131 Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei, als dort ein „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ eingerichtet wird, scheint die Zeit reif für eine großräumige Neuordnung. Strategisch zieht er für die Wiener Stadtplanung „Operationslinien“. Um den Anforderungen einer modernen Großstadt und dem Repräsentationsanspruch der „zweitgrößten Stadt des nationalsozialistischen Reiches“ entsprechen zu können, sind gewaltige Veränderungen nötig. Da der Kern der alten Kaiserstadt und ihre dörflichen Vororte im Westen nicht anders erhalten werden können, muß die Leopoldstadt abgebrochen werden. Nur die Häuser am Franz-Josephs-Kai sollen erhalten bleiben. Im zweiten Bezirk „an Stelle der ehemaligen Judenstadt, könnte zwischen Donaukanal und Donau, zwischen Augarten und Prater ein zweiter Stadtkern, die Neustadt (Hitlerstadt), entstehen.“ 132 Auf das Gelände der zu vernichtenden „Judenstadt“ will Sedlmayr „Gebäude für die Ämter des Staates und der Partei, Versammlungshallen, einen großen Aufmarschplatz, Hallen für Ausstellungen, Leibesübungen, Bäder usw.“ bauen.133 Die Deportation der jenseits des Donaukanals beheimateten jüdischen Menschen ist eine notwendige Folge.
Eine gewaltige neue Süd-Nord-Achse soll den „Stefansturm“, die „ideale Mitte der Stadt“134 mit einem neu zu errichtenden Siedlungsgürtel jenseits des Donaustromes verbinden. Vorbild ist der von Speer in Berlin inszenierte, von neoklassizitischen Prunkbauten flankierte „Ostdurchbruch“, der pünktlich zum 50. „Führergeburtstag“ fertiggestellt wird.135 Die westlichen Villenvororte werden vom Adolf-Hitler-Platz über den Kaiserdamm, vorbei an der Siegessäule zum Brandenburger Tor in einer monumental gesäumten, überdimensionierten Prachtstraße mit dem Stadtzentrum verbunden. Wie in Berlin der Tiergarten würde der Wiener Prater von einer propagandistisch überhöhten, übermächtigen Magistrale durchschnitten. Die ohnehin zwischen Stadtkern und Donauauen vermittelnde Praterstraße kann den glanzvollen Vorstellungen einer größenberauschten Erhabenheit nicht mehr gerecht werden. Sie verfällt ebenso dem Untergang, wie die Synagoge in der Tempelgasse, die frühbarocke Kirche der Barmherzigen Brüder, die Johannes-Nepomuk-Kirche, die Gotteshäuser von St. Leopold und St. Josef.





Der nach dem „Anschluß“ zum Bürgermeister von Wien aufgestiegene illegale Nationalsozialist Hermann Neubacher, der bereits 1932 mit einer Schrift zum „Kampf um Mitteleuropa“ hervorgetreten war, scheint den Ideen aus einem Aufsatz Sedlmayrs im „Völkischen Beobachter“ vom Februar 1939 zu folgen 136. Der Universitätsprofessor stellt seinen Betrachtungen im „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung“ den Leitspruch Hitlers groß voran : „Diese Stadt ist in meinen Augen eine Perle. Ich werde sie in eine Fassung bringen, die dieser Perle würdig ist “. Als „natürliche Lösung“ legt er den neuen Herren Wiens nahe, die Stadt nach Norden zu erweitern, „neben dem Kern der Altstadt zwischen Kanal und Donau, Augarten und Prater einen zweiten Kern als innere Neustadt zu schaffen.“ Noch ist nicht ausdrücklich von einer Auslöschung der „Judenstadt“ die Rede. Der SA-Brigadeführer und Bürgermeister Neubacher wird im Herbst des Jahres 1939 von den Ideen des Kunsthistorikers inspiriert zu einem Vortrag „über die künftige Entwicklung Wiens“. 137 Tatsächlich werden in dieser Zeit bereits die ersten 1000 Menschen nach Nisko verschleppt.138 Der Ort liegt am Fluß San im Bezirk Radom am östlichen Rande des nach dem Überfall auf Polen neu errichteten „Generalgouvernements.“ Dort soll nanach Umsiedlung der ansässigen Bevölkerung ein „Judenvorstaat“ eingerichtet werden. Der entsprechende „Führerbefehl“ wird von Heydrich am 21 September 1939 verkündet.




Am 16.5.1939 hält Sedlmayr im Italienischen Kulturinstitut in Wien einen Vortrag, in dem er sich mit dem Verhältnis von „Bernini und Fischer von Erlach“ auseinandersetzt. Eine knappe Woche ehe der Bündnisvertrag zwischen Italien und Deutschland, der Pakt der „Achsenmächte“ von Berlin und Rom besiegelt wird, hebt er auf Frankreich als gemeinsamen Feind beider Länder ab. Im Völkischen Beobachter wird Sedlmayrs Rede breiter Raum gegeben .139 Am selben Tag, an dem er auf das erwachende „deutsche Volks- und Reichsbewußtsein“ zur Zeit der Türkenkriege abhebt, berichtet das Kampfblatt der Nationalsozialisten von der bevorstehenden „Neuordnung Europas“. Hitler und Mussolini „stürzten in ihren Ländern die Götzen der Demokratie und errichteten die Herrschaft der Jungen und Starken“140 Hier fügt sich das Bild Fischers an, der „nach jahrzehntelanger Fremdherrschaft Deutschland den neuen deutschen Stil bringen sollte.“ Am 20.5. unternimmt Mussolini eine Besichtigungsfahrt an die italienisch-französische Alpengrenze und hält in Turin eine "Warnungsrede an die Demokratien"141 Unverhüllt bedroht er seine europäischen Nachbarn : "Aber wir sind bereit, uns durchzusetzen, falls die konservativen und reaktionären großen Demokratien daran denken sollten, unseren unwiderstehlichen Vormarsch aufzuhalten."142 Sedlmayr nimmt darauf Bezug, wenn er berichtet, daß im Piemont bereits im 17. Jahrhundert „der politische Anschluß an die Front des Kaisers auch den künstlerischen Anschluß an den 'Reichsstil' mit sich“ gebracht habe, wenn Filippo Juvara sich bei seiner Bautätigkeit in Turin an Wiener Vorbildern orientierte.
 
Die Kugelentwürfe von Ledoux gelten in der Pinder-Festschrift noch als Symbol des Paradieses. Im „Verlust“ stehen sie als Beleg für die „Bodenlosigkeit“,143 den „bodenlosen“ Geist der Revolutionen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Das Konzept ist 1939 in seinem Aufsatz über: "Die Kugel als Gebäude, oder: das Bodenlose" entwickelt. Hier werden die Kugelgebäude der Franzosen Ledoux und Boullée und des sowjetischen Architekten Leonidow als "Symptome und Symbole der Revolution erkannt, denen um 1800 die Architektur Schinkels, 1939 das Reichssportfeld Marchs rettend gegenüberstehen.144 Das Gelände in Nürnberg ist für Sedlmayr ein Beispiel dafür, "wie eine bodenlos gewordene Baukunst wieder auf den Boden zurückgebracht wird."145 Das Gestalten in geometrischen Formen führt zur "Leugnung der 'Erde' als Basis alles Architektonischen und Tektonischen".146 Eine letzte, fünfte Stufe des ersten Weltalters bedeutet nach Sedlmayrs Lehre "Pantheismus, Atheismus; Vergottung der Natur, der Vernunft, der Kunst, der Maschine."147 Die Höhepunkte der "antiarchitektonischen Epoche" sind die Zeit der Französischen Revolution und "dann besonders die Zeit von 1905 bis 1930, mit dem extremsten Punkt zwischen 1920 und 1930“.148 Ein „Versuch der Wiederherstellung des Gesamtkunstwerks“ findet im mittleren 19. Jahrhundert und in der Zeit nach 1930, also in den Tagen des heraufziehenden Nationalsozialismus statt.149
 
Sedlmayr entdeckt im Werk Michelangelos kämpferische Züge. Die Ruhe seiner Figuren sei nur eine vorübergehend erstarrte Bewegung, ein spannungvoller Zustand. Dies sei „eine uralte, ewige Erscheinung der europäischen Kunst in ihrer Berührung mit der des Südens, des 'alten' Orients.“150 Bei Michelangelo erscheine jener ,,aktive Formungswille" wieder, der dem Orient ganz fremd sei, weshalb der Orient auch das "Ringen" des Künstlers mit seinem Werke nicht kenne. Der unversöhnliche Widerstreit äußere sich in der europäischen Kunst, zuerst im Ornament, als jener „im eigentlichen Sinn objektlose Drang“ und erscheine aus der abstrakt-ornamentalen Form ins Körperliche übertragen, wo er - unmittelbar oder durch Vermittlung - in Berührung mit der Körperwelt des Orients komme. Nur ein einziges Mal sei es zu einem inneren Ausgleich dieser Tendenzen gekommen, nämlich in der klassischen griechischen Kunst. Die Gestalten Michelangelos zeigten, daß es bei ihm die leichte hemmungslose, tänzerische Bewegung kaum gebe. Alles Schweben werde zu einem Heranbrausen, Stürmen, Emporgerissen-Werden. Es gebe kein reines Stehen, Sitzen oder Liegen. Jede Bewegung, auch die neutralste, habe etwas Angestrengtes, etwas vom Aufbäumen und sich Losringen von der Schwere seiner Welt. Es erscheine unter solchen weltgeschichtlichen Perspektiven Michelangelos Kunst wie ein Paradigma des Konflikts, zu dem die europäische Kunst von sich aus immer wieder dränge. 151
1941 wird Sedlmayr wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien. Sedlmayr wird zum Direktor des Kunsthistorischen Instituts der Universität Wien am 11.6.1941 ernannt.152 Aus diesem Grund wird seine Mitgliedschaft bei der NSDAP vom Personalamt der Gauleitung Wien amtlich erhoben und als seit 1.1.1938 bestehend festgestellt. 153 Nach Angabe des Dozentenführers ist Sedlmayr bereits vor dem deutschen Einmarsch dem illegalen NS-Lehrerbund beigetreten und hat auch durch diesen seit 1.1.1938 den Parteimitgliedsbeitrag gezahlt. Innerhalb des „stark verjudeten Wiener 'Kunstbetriebes' hat Sedlmayr immer die völkischen Belange vertreten, sowohl wissenschaftlich als auch persönlich.“154
 
Sedlmayr wird trotz mehrerer Gesuche der Universität, ihn als unabkömmlich einzustufen, zur Wehrmacht eingezogen. Er dient als Transportoffizier am im Februar 1942.155 Er ist im Juni 1942 unter der Feldpostnummer 00376 des „Standort-Offizier Budapest“ zu erreichen. Später wird die Dienststelle als „Kommandeur des Heeresstreifendienstes Ungarn“ bezeichnet.156 Der Kunsthistoriker wird als Reserveoffizier zum Kriegsdienst in das ukrainische Kursk und Gorlovka entsandt.157 geschickt. Im Juli 1942 leistet er Dienst im Kommando der Heeresgruppe Süd. Unter seiner Feldpostnumnmer 00220 ist ein Verbindungsoffizier zwischen dem Wirtschaftsstab des Armeeoberkommandos 12 und der Gruppe der geheimen Feldpolizei tätig.158 Er wird im August zum Oberleutnant befördert. Der ukrainische Teil des Donbass-Gebietes ist 22 Monate lang von den Deutschen besetzt. Bergbaueinrichtungen, Anthrazitminen, Hüttenwerke, Schwerindustrie werden dort zerstört. Horlivka ist ein Eisenbahnknotenpunkt, an dem sich die von Moskau an Orel, Kursk und Charkiv vorbeiführende Linie nach Maryupol und Taganrog am Asowschen Meer verzweigt. Die Strecke nach Stalingrad quert.

Der zuständige Wirtschaftsoffizier schlägt im Falle der Industriestädte des Donez-Gebietes vor, die nicht für Wehrmachtszwecke benötigten Bevölkerungsteile in Konzentrationslagern größten Stils einzusperren. „Es wird hierbei an Großghettos in Warschau und anderen Städten gedacht.“159 Die mit Hilfe der Wehrmacht bereits in Gang gesetzte Vernichtung der Juden wird demnach als Vorbild für die nach Beendigung der Kampfhandlungen im russischen Raum durchzuführende Dezimierung der slawischen Bevölkerung begriffen. Solche Überlegungen sind keine Ausnahmeerscheinugen bei einzelnen Offizieren und Dienststellen. Sie entsprechen vielmehr den offiziellen Richtlinien und Planungen, nach denen die Wehrmacht diesen Krieg an der Front und im Hinterland führt.160 Der „Wirtschaftsstab Ost“ ist eine neuartige Formation der Wehrmacht, in der Offiziere und Wirtschaftsexperten gemeinsam die Ausbeutung und Kolonialisierung des europäischen Teils der UdSSR vorbereiten und durchführen sollen.161 Geplant wird die Entindustrialisierung des Landes, die Beseitigung der „überflüssigen“ Großstadtbevölkerung und der Arbeiterschaft sowie die Konzentration auf wichtige Rohstoff- und Agrargebiete. Es wird ein „Vernichtungs- und Kolonialisierungskrieg“ geführt. 162 Geglaubt wird an eine „Zeitenwende, in der dem deutschen Volke kraft der Überlegenheit seiner Rasse und seiner Leistungen die Führung übertragen ist.“163

Es geht um eine „Vorverlegung des Ostwalls von der Weichsel an den Ural, um die „Vernichtung der bestehenden Herrschaftsstrukturen und Wirtschaftspotentiale im Lande, um die Vernichtung der‘lebendigen Kräfte‘, wie es hieß, sowie im Rahmen der militärischen Sicherung des eroberten Gebietes um die rücksichtslose Durchsetzung des eigenen Herrschaftsanspruches“.164 Man will die „politische und rassische ,Neuordnung‘ des künftigen Kolonialgebietes.“165 Die SS übernimmt den blutigen Teil der Kolonisierung. Auf lange Sicht gesehen sollen die „neubesetzten Ostgebiete unter kolonialen Gesichtspunkten“ und mit kolonialen Methoden wirtschaftlich ausgenutzt werden. 166 Geführt wird ein Kolonialkrieg. „Die unterworfene Bevölkerung Osteuropas wurde - anders als im übrigen deutschen Machtbereich - als rechtlose Masse betrachtet, als quasi deutsches Eigentum, mit dem man nach Belieben verfahren konnte...“.167
Im Kursker Bogen tobt eine riesige Panzerschlacht. Im August fungiert Sedlmayr als „Wehrmacht-Gräberoffizier“. Er arbeitet für das WirtschaftskommandoBelgorod. Der Soldat aus Wien berichtet von einem Erlebnis im Sommer 1942. Er sieht in einem der typischen Volksparks Rußlands Dinge, die ihm surreal erscheinen : „Vor einem stahlblauen Himmel stand eine jener in Serien fabrizierten antiken Plastiken aus billigstem Steinguß mit Gipsüberzug, die jeder kennt, der solche Volksparks irgendwo gesehen hat. Aus dem Stumpf des abgebrochenen Arms ragte das sich verzweigende Drahtgestell wie ein bloßgelegtes Aderngeflecht in das wolkenleere Blau. An den Sockel der Statue hatte ein Soldat das abmontierte Rad eines Autos gelegt und sein rotes Halstuch darumgeschlungen, und zwischen den Beinen des Apoll lag auf der Sockelplatte das Abendessen, drei erbeutete Eier. Die bedrückende Schärfe der Nachmittagssonne ließ alles in grausam stählerner Härte und schmerzhafter Plastik erscheinen.“168 Die traumhaft friedliche Idylle scheint ihn mehr zu beunruhigen, als der totale Krieg. Nicht die Greuel des Rußlandfeldzuges sondern die unwirkliche Abendstimmung sieht er als Zeichen einer „ver-rückten“, chaotischen Welt.
 
Vom November 1942 bis zum Juni 1943 deutet Sedlmayrs Feldpostnummer 00723169 auf eine Tätigkeit beim Panzerarmeeoberkommando 1 und der Feldgendarmerietruppe 422 hin. Die Abkürzung W.G.O. weist ihn als Wehrmacht-Gräberoffizier aus. Die Oberbefehlshaber der „1.Panzer-Armee“ (Pz. AOK 1) waren ab 16.11.1940 der spätere Widerständler Ewald von Kleist, ab 21.11.1942 Eberhard von Mackensen. Von Januar bis Juli 1942 unterstand die Truppe der Heeresgruppe Süd, von August 1942 bis Januar 1943 der Heeresgruppe „A“ im Osten. Im Februar wurde sie der Heeresgruppe Don, von März bis Dezember wieder der Heeresgruppe Süd unterstellt. Sie nimmt teil an den Winterabwehrschlachten 1942/43 wie den Kämpfen im Terekgebiet, dem Absetzen aus dem Zentral-Kaukasus auf den unteren Don und der Abwehrschlacht im Donezgebiet. Im Bereich der Heeresgruppe Süd ist sie in Stellungskämpfe und Abwehrkämpfe am mittleren Donez verwickelt.




Sedlmayr erhält 1943 das Kriegsverdienstkreuz Zweiter Klasse mit den Schwertern. Er wird mit Wirkung vom 1.3.1943 zum Hauptmann befördert. Im April steht er als Hauptmann der Reserve zur Verfügung bei einem Armeeoberkommando im Felde. Er erkrankt schwer, verfaßt an der Front seine Kindheitserinnerungen, heiratet 1943.170. Er dient im September in der Abteilung für Wehrmachtsverlustwesen in Saalfeld in der Prinz-Louis-Ferdinand-Kaserne in einer „Bergungsorganisation“ im Allgemeinen Wehrmachtamt des Oberkommandos der Wehrmacht. Er wird im November 1943 aus der Wehrmacht entlassen und nimmt im selben Jahr seine Lehrtätigkeit wieder auf.171 Es gibt ein unveröffentlichtes Manuskript im Österreichischen Bundesdenkmalamt in Wien für einen im Oktober 1944 an der Technischen Hochschule gehaltenen Vortrag mit der Feststellung „unabänderlich ist das Fehlen der Mitte“. 172
 
Sedlmayr wir von seinen Studenten scharf beobachtet. Die Anzeichen seiner Mißbilligung sind ein „schmales Anlegen der Nasenflügel und rhythmisches Kopfschütteln.173 Die Schranke zwischen Podium und Auditorium im alten Hörsaal 21 pflegt er mit einer eleganten Flanke zu nehmen.174 Dr. Hans Herbst, Chefexperte der Kunstabteilung des Dorotheums und gerichtlich beeideter Sachverständiger für Kunsthandel gibt am 29.7.1945 über Sedlmayr eine Erklärung an Eidesstatt zu Protokoll. Sedlmayr habe sich in allen Vorlesungen, die er von ihm hörte als „Übernationalsozialist“ erwiesen. Dabei habe er den Boden wissenschaftlicher Objektivität verlassen, um die Phraseologien einer „neuen nationalsozialistischen Kunstgeschichte“ zu vertreten. „In der dem angeblichen Attentat auf Adolf Hitler im November 1939 folgenden Vorlesung forderte Herr Professor Sedlmayr die Hörer auf, nachdem er den deutschen Gruß geleistet hatte, sich stehend eine Erklärung anzuhören. In einer längeren Rede, die sich mit dem soeben bekannt gewordenen Ereignis befaßte, wies er darauf hin ,welch unendliches Glück dem ganzen deutschen Volk mit der wundersamen Errettung unseres heißgeliebten Führers widerfahren sei‘ und forderte am Schluß der Ansprache alle Anwesenden auf, ihm über jeden Vorfall von Defaitismus oder einer dem Nationalsozialismus feindlichen Gesinnung zu berichten. Professor Sedlmayr schloß seine Erklärung mit den Worten : 'Ich selbst habe heute früh bereits über einen mir bekannten Fall bei der zuständigen Polizeibehörde Meldung erstattet'“.175

 

4. Gewinn durch Verlust
99Universitätsarchiv Wien, a.a.O.
100Völkischer Beobachter Nr. 146, Berlin 26.5.1937, S. 5

            101Die Rolle Österreichs in der Geschichte der deutschen Kunst, Forschungen und Fortschritte XIll (1937) 418 - 419

            102Vermutungen und Fragen zur Bestimmung der altfranzösischen Kunst, «Festschrift Wilhelm Pinder zum 60. Geburtstag», 11 - 27, Leipzig 1938, Epochen und                 Werke II: 322 - 341, Abb. 56, 57; Die politische Bedeutung des deutschen Barock „Gesamtdeutsche Vergangenheit“. Festgabe für Heinrich Ritter von Srbik, 126 -                 140,  EUW Il: 140 - 156, Abb. 29, München 1938

103Universitätsarchiv Wien, a.a.O.
104Heinrich Dilly (Hrsg.), Altmeister moderner Kunstgeschichte, Berlin 1990, S. 272; Österreich - Erbe und Sendung im deutschen Raum, Herausgegeben von Joseph Nadler und Heinrich von Srbik, Salzburg - Leipzig 1936
105Sedlmayr, politische Bedeutung, a.a.O., S. 145
106Sedlmayr, politische Bedeutung, a.a.O., S. 155
107Hans Sedlmayr, Die politische Bedeutung des deutschen Barock, „Gesamtdeutsche Vergangenheit“, Festgabe für Heinrich Ritter von Srbik, München 1938; Epochen und Werke, Bd. 2, Wien 1959, S. 171
108Hans Sedlmayr, Die politische Bedeutung des deutschen Barock, München 1938, in : Epochen und Werke, Bd. 2, Wien 1959, S. 140
109Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 141
110Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 143
111Hans Sedlmayr, Österreichs bildende Kunst, in : Epochen und Werke, Bd. 2, Wien 1959, S. 286
112Sedlmayr, Österreichs bildende Kunst ..., a.a.O., S. 307
113Sedlmayr, Österreichs bildende Kunst ..., a.a.O., S. 275
114Sedlmayr, Österreichs bildende Kunst ..., a.a.O., S. 286
115Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 157
116Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 155
117Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 145
118Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 145
119Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 149
120Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 148
121Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 158
122Sedlmayr, politische Bedeutung ..., a.a.O., S. 158
123Piel (Hrsg.), Sedlmayr ..., a.a.O., S.2
124Universitätsarchiv Wien, a.a.O., Bescheid der Einspruchskommission für den 18. Bezirk, Wien 8.7.1948

            125Hans Sedlmayr, Vermutungen und Fragen zur Bestimmung der altfranzösischen Kunst, «Festschrift Wilhelm Pinder zum 60. Geburtstag», 11 - 27, Leipzig 1938,                 Epochen und Werke II, S. 322 - 341

126Dilly, a.a.O., S. 285; Festschrift Wilhelm Pinder, Leipzig 1938, S. 9
127Dilly, a.a.O., S. 272
128Österreichisches Staatsarchiv, Sonderkommission ..., a.a.O..
129Österreichisches Staatsarchiv, Bundesministerium für Unterricht, Geschäftszahl 58026/III-B/47, Diensteid Sedlmayrs, Wien 22.3.1938
130Österreichisches Staatsarchiv, Bundesministerium für Unterricht, Geschäftszahl 58026/III-B/47,Sonderkommission I. Instanz beim Bundesministerium für Unterricht, Wien 10.1.1946
131Hans Sedlmayr, Wien : Stadtgestaltung und Denkmalschutz (I), in : Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung u.a. (Hrsg.), Jahrgang 1939/40, Deutsche Kunst und Denkmalpflege, XLI. Jahrgang der Zeitschrift „Denkmalpflege und Heimatschutz“, XIII. Jahrgang der der „Zeitschrift für Denkmalpflege“, Berlin 1940, S. 161
132Hans Sedlmayr, Wien ..., a.a.O, S. 159
133Hans Sedlmayr, Wien ..., a.a.O, S. 159
134Hans Sedlmayr, Wien ..., a.a.O, S. 161
135Albert Speer, Ein neues Berlin entsteht, Völkischer Beobachter, Wiener Ausgabe, 19.4.1939, S. 1,2
136Hans Sedlmayr, Wiens Werden und Wachsen, Völkischer Beobachter Nr. 43, Wiener Ausgabe, 12.2.1939, S. 8
137Hans Sedlmayr, Wien ..., a.a.O, S. 159, Anm. 1
138The Simon Wiesenthal Center, Los Angeles 1997, (wiesenthal.com/text/x33/xm3380.html)

             139Völkischer Beohachter 141, 1939

140Völkischer Beobachter, Nr. 141, Wien 23.5.1939, S. 1
141Völkischer Beobachter, Nr. 141, Wien 21.5.1939, S. 5
142Völkischer Beobachter, Nr. 141, Wien 21.5.1939, S. 5
143Dilly, a.a.O., S. 274
144Willibald Sauerländer, Zum Tod von Hans Sedlmayr, Ein heimlicher Moderner, Die Zeit, Hamburg 20.7.1984
145Heinz Quitzsch, Verlust der Kunstwissenschaft, Eine kritische Untersuchung der Kunsttheorie Sedlmayrs, Leipzig 1963, S. 6
146Hans Sedlmayr, Zum Wesen des Architektonischen,, als Manuskript veröffentlicht 1944; Epochen und Werke, Bd. 2, Wien 1959, S. 203
147Sedlmayr, Zum Wesen ..., a.a.O., S. 208,
148Sedlmayr, Zum Wesen ..., a.a.O., , S. 209
149Sedlmayr, Zum Wesen ..., a.a.O., S. 209
150Hans Sedlmayr, Michelangelo, Versuch über die Ursprünge seiner Kunst, München 1940, S. 29
151Sedlmayr, Michelangelo..., a.a.O., S.31
152Österreichisches Staatsarchiv, Bundesministerium für Unterricht, Geschäftszahl 58026/III-B/47, Runderlaß des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Berlin 13.8.1942
153Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt Nr. 27415, Fragebogen NSDAP, Gauleitung, Personalamt Hauptstelle für politische Beurteilung, Wien 22.5.1941
154Österreichisches Staatsarchiv, Gauakt Nr. 27415, Dozentenführer Dr. Marchet an Gaupersonalamt, Wien 27.5.1941
155Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Gauakt Nr. 27415, Mitteilung von Feldpostnummern am 12. und 25.2.1942.
156Norbert Kannapin, Die deutsche Feldpostübersicht 1939 - 1945, Vollständiges Verzeichnis der Feldpostnummern in numerischer Folge und dessen Aufschlüsselung, bearbeitet nach den im Bundesarchiv-Militärarchiv verwahrten Unterlagen des Heeresfeldpostmeisters, Bd. 1, Nummern 00001 bis 20308, Osnabrück 1980
157Sedlmayr, Das goldene ..., a.a.O., Nachwort von Susanna Guéritaud-Sedlmayr, S. 177
158Kannapin, Die deutsche Feldpostübersicht ..., a.a.O..
159Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 42
160Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 42
161Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 41
162Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 42
163Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 42
164Rolf-Dieter Müller, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik, Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt am Main 19991, S. 40
165Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 41
166Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 43
167Müller, Hitlers Ostkrieg ..., a.a.O., S. 47
168Hans Sedlmayr, Die Revolution der modernen Kunst, Hamburg 1955, S. 81

            169Georg Tessin, Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939-1945, Bd. 1, Osnabrück 1977

170Dilly, a.a.O., S. 283
171Frodl, a.a.O., S. 27
172Frodl, a.a.O., S. 28
173Vorwort von Hermann Bauer zu : Hans sedlmyr, Johann Bernhard Fische von Erlach, Stuttgart 1997, S. 7
174Frodl, a.a.O., S. 27
175Österreichisches Staatsarchiv, Bundesministerium für Unterricht, Bundesministerium für Inneres, Abteilung GD 2 an Landesgericht für Strafsachen, Wien 3.3.1947