4. Gewinn durch Verlust

Mit Erkenntnis vom 10.1.1946 stellt der zweite Senat, der Sonderkommission I. Instanz beim Bundesministeriums für Unterricht fest, daß "Prof.. Dr. Hans. Sedlmayr nach seinem bisherigen Verhalten keine Gewähr dafür bietet, daß er jederzeit rückhaltslos für die unabhängige Republik Österreich eintreten werde."176 Er wird mit Wirkung vom 31.3.1946177gemäß dem Gesetz zum Verbot nationalsozialistischer Betätigung „unter Kürzung seines Ruhestandsgenusses um 50 % in den Ruhestand versetzt“. Sedlmayr erhält offizielles Publikationsverbot. 178 179 Hermann Voss beschuldigt Sedlmayr öffentlich, es sei bekannt, daß er „selber einstmals mit vollen Backen in die Hitlersche Posaune gestoßen hat - eine Tatsache, auf die hier nicht Bezug genommen würde, wenn nicht Spuren davon noch heute deutlich erkennbar wären.“180 Einer früheren Studentin ist jedoch klar „daß er, sobald das politisch möglich war, wieder in das Universitätsleben eintreten würde. Als Universität eines katholischen Landes kam München dafür besonders in Frage.“181

Eine Beschwerdekommission des Innenministeriums hebt mit Entscheid vom 8.12.1949 den Bescheid der Einspruchskommission für den 18. Bezirk, Wien vom 8.7.1948 auf, nach dem Sedlmayr als Parteigenosse der NSDAP seit dem 1.5.1938 zu verzeichnen war.182 Aus dem zufällig erhalten gebliebenen „Gauakt 27415“ ließen sich keine Angaben „über den Eintrittstag des Beschwerdeführers in die NSDAP“machen. Die Vorinstanz stellte fest, daß Sedlmayr als Parteimitglied der Nationalsozialisten erst nach dem deutschen Einmarsch in Österreich anzusehen gewesen sei. Er sei kein „Illegaler“ gewesen, der insgeheim den Anschluß seiner Heimat an Großdeutschland vorbereitete. Es werde seinem „Begehren auf Richtigstellung von Parteimitglied (sic) seit 1.1.1938 in Parteimitglied seit 1.5.1938 ohne Mitgliedsnummer Folge gegeben, weil aus dem Umstand, daß der Einspruchswerber die Ostmarkmedaille erhalten hat, hervorgeht, daß er sich vor der Annexion Österreichs Verdienste um die NSDAP erworben hat.“ 183 Auf einem Registrierungsblatt zur Verzeichnung der Nationalsozialisten wird Sedlmayr als „minderbelastet“ eingestuft.

Sedlmayr gehört im Jahr 1950 zu den Gegnern eines Planes der österreichischen Bundesregierung auf dem Gelände des ehemaligen Gartens des Wiener Palais Trautson einen modernen Stahlbeton-Bürobau zu errichten. In der „harmonischen Einfügung der Neuanlage zwischen Trautson- und Auersperg-Palais“ 184 ist die Errichtung eines elfgeschossigen Gebäudes bis zu einer Höhe von 35 Metern „unter der Voraussetzung, daß eine Störung des städtebaulichen Gefüges vermieden wird“ beabsichtigt. Sedlmayrs Bücher erscheinen in Massenauflage. Sedlmayr ist in Wien "persona non grata".185 Er wird Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 1955. Bis 1955/56 erreichen "Verlust der Mitte" und "Die Revolution der modernen Kunst" jeweils rund 90.000 Exemplare Gesamtauflage. Als der „Verlust“ 1948 in einem Salzburger Verlag erschien, "da war das ein Fanal, das kaum hinter Oswald Spenglers 'Untergang des Abendlandes' zurückstand."186 Sedlmayr nennt den Surrealismus einen „Realismus des Untermenschlichen“.187 Im Geist der Nachkriegszeit erkennt er „die extremsten Ausartungen“188, einen „Prozess der Deshumanisation“189 und bezieht sich zustimmend auf Spenglers „Untergang des Abendlandes“.190 Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit Alexander Mitscherlich und Willi Baumeister in den Darmstädter Gesprächen 1950.191

In Salzburg werden 1950 Werke von Hitlers Lieblingsbildhauers Josef Thorak gezeigt, unter denen sich auch eine heldisch empfundene Statue Fischers von Erlach befindet. Die Schau wird gegen die gleichzeitige Ausstellung des Wiener Akademieprofessors und Emigranten Fritz Wotruba ausgespielt. Es äußert sich ein „Ost-West-Konfliktes der österreichischen Kulturpolitik“192 Die in Wien konzipierte Ausstellung zum Jubiläum Fischer von Erlachs im Jahre 1956 bedeutet wissenschaftliche "Parallelaktion" der Emigranten und jetzigen Akademierektors Clemens Holzmeister und des ebenfalls emigrierten, nunmehrigen Präsidenten des Bundesdenkmalamtes Otto Demus auf die Fischer-Monographie des „ehemaligen Nationalsozialisten Sedlmayr“.193 „In diesem Kontext erscheint auch die spätere Berufung Sedlmayrs an die Salzburger Universität als logische Konsequenz.“194



Torbau am Salzburger
Schloß Kleßheim, 1940

1951 folgt Sedlmayr einem Ruf an die Universität München. Gegen den Protest fortschrittlicher Studenten 195 übernimmt er den Lehrstuhl Jantzens, wo er nach seiner Emeritierung von 1964 bis 1969 noch als Honorarprofessor lehrt. 1961 erreicht Sedlmayr ein Ruf an die Wiener Universität, dem er jedoch nicht folgt.196 Berufen wird dort der während der Nazizeit nach England emigrierte Otto Pächt.197 Sedlmayr bekommt 1975 den bayerischen Verdienstorden und den Maximilian-Orden 1980. Er wird Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.


Seine spätere Abhandlung über die "Schauseite der Karlskirche in Wien« 1956 wird gelobt als ein brillantes Beispiel für die Wiederentdeckung der Semantik von Architektur, als eine Apologie der Kaiserstadt. 198 Die Kirche Karls VI. wird in ein welthistorisches Achsensystem gerückt, das sich bis zum Salomonischen Tempel und zur Römischen Peterskirche erstreckt. Wien fungiere als "neues Rom", die Architekturgeschichte als monumentale Erinnerung an die versunkene Monarchie. 199 Tatsächlich könnte in den zwei Säulen mit der Devise Kaiser Karls VI. „Fortitudine et Constantia“ eine tiefe Bedeutung liegen. „Die Säulen des Tempels Salomons trugen die Namen Jachin und Boas - was übersetzt soviel bedeutet wie „er stellt fest“ und „in ihm ist Stärke“ Die Karlskirche wäre somit als neuer Tempel Salomon interpretierbar.200



Vormerkzettel aus dem Unterrichtsministeriumsakt im Österreichischen Staatsarchiv

1965 bekommt Sedlmayr auf unbestimmte Zeit eine Gastprofessur in Salzburg, durch die ein „Dienstverhältnis“ zur österreichischen Republik nicht begründet wird. 201 Auf diese Weise soll eine Verletzung des Gesetzes zum Verbot nationalsozialistischer Betätigung aus dem Jahre 1947 vermieden werden. Von 1965 bis 1969 ist Sedlmayr Vorstand des neu gegründeten Kunstgeschichtlichen Instituts in Salzburg. Als er nach Salzburg übersiedelt, tritt er mit Vehemenz für die Erhaltung der Altstadt ein. Seine Schriften „Die demolierte Schönheit“ und „Stadt ohne Landschaft“ sind regelrechte ästhetisch-ökologische Manifeste.202 Er beeinflußt maßgeblich die Formulierung des "Altstadterhaltungsgesetzes". 1972 erhält er den Ehrenring der Stadt Salzburg, 1976 den Österreichischen Naturschutzpreis, 1979 den Wissenschaftspreis der Stadt Salzburg, 1982 die Österreichische Denkmalschutzmedaille. Er wird in den Siebziger Jahren in der Salzachstadt „wie ein Gott verehrt“.203

Schüler sind Hermann Bauer, Wilhelm Messerer, Friedrich Piel, Mohammed Rassem. Sedlmayr stirbt am 9.7.1984 in Salzburg. Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer stellt fest, Salzburg habe mit ihm nicht nur einen Kunsthistoriker von höchstem Rang verloren, „sondern auch einen unbestechlichen Mahner und Kämpfer für die Erhaltung von Salzburgs Schönheit.“204 In einem Nachruf wendet sich Mohammed Rassem gegen Versuche, Sedlmayrs „wissenschaftliche Position als sozusagen verspätet 'faschistisch' zu denunzieren“205. Es finde sich aber in Sedlmayrs Oeuvre „über das halbe Jahrhundert hinweg nicht eine Zeile, die in diese Kennzeichnung paßt.“ Eva Frodl-Kraft seine Schülerin aus der Vorkriegszeit bemerkt in einem gewissen Widerspruch dazu : Dem „Ausgreifen des Geistes ins Weite, immer auf dem Boden einer absolut gesetzten Ideologie, steht die feste Bindung an die theoretischen und methodischen Glaubenssätze der Wiener Anfänge gegenüber.“206 Justin Stagl, Ordinarius des Instituts für Kunstsoziologie an der Salzburger Universität stellt zum 100. Geburtstag fest, „daß Sedlmayr 1938 einen Beitrag zu einer Pinder-Festschrift mit dem Hitlergruß versehen“ habe, müsse nicht dazu führen, daß „alles, was er auch sonst sagt, anrüchig sein“ müsse.207


176Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Bundesministerium für Unterricht, Geschäftszahl 55.671-I/4,68
177Österreichisches Staatsarchiv, Ruhe-Genüsse ..., a.a.O.,Schreiben der Philosophischen Fakultät an das Zentralbesoldungsamt, Wien 20.10.1946
178Frodl, a.a.O., S. 28
179Friedrich Piel (Hrsg.), Hans Sedlmayr 1896-1984, Verzeichnis seiner Schriften, Mit einem Nachruf von Gerhardt Schmidt, Salzburg 1996, S.2;Dilly, a.a.O., S. 274
180Herman Voss in : Zeitschrift für Kunst, 4. Jahrgang, 1950, Heft 1, S. 83, zitiert nach Wyss, Trauer ..., a.a.O.
181Frodl, a.a.O., S. 37
182Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Bundesministerium für Unterricht, Geschäftszahl BK 9580/48
183Institut für Zeitgeschichte, München, Archiv, Kopie des Personalaktes von Hans Sedlmayr aus dem Universitätsarchiv, Wien
184Polleroß , Fischer von Erlach ..., a.a.O., S.13
185Polleroß , Fischer von Erlach ..., a.a.O., S.30
186Ludger Lütkehaus, Lust auf Mitte, Vor 100 Jahren wurde Hans Sedlmayr geboren, Süddeutsche Zeitung, München 18.1.1996
187Sedlmayr, Tod des Lichtes, S. 57, zitiert nach Wyss, Trauer ..., a.a.O.
188Hans Sedlmayr, Verlust der Mitte, Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol unserer Zeit, Frankfurt am Main 1973, S. 106
189Sedlmayr, Verlust, a.a.O., S. 121
190Sedlmayr, Verlust, a.a.O., S. 52
191Frodl, a.a.O., S. 30
192Polleroß , Fischer von Erlach ..., a.a.O., S.30
193Polleroß , Fischer von Erlach ..., a.a.O., S.31
194Polleroß , Fischer von Erlach ..., a.a.O., S.30
195Willibald Sauerländer, Zerplitterte Erinnerung, 1990 in : Kunsthistoriker in eigener Sache
196Frodl, a.a.O., S. 41
197Polleroß , Fischer von Erlach ..., a.a.O., S.30
198Willibald Sauerländer, Nachruf
199Willibald Sauerländer, Nachruf
200Tremmel-Endres, Denkmalarchitektur ..., a.a.O., S. 242
201Österreichisches Staatsarchiv, Bundesministerium für Unterricht, Geschäftszahl 79.052-I/4/64, Wien 29.7.1964
202Lütkehaus, Lust ..., a.a.O.,
203Friedrich Polleroß (Hrsg.), Fischer von Erlach und die Wiener Barocktradition, Wien 1995, S.11
204Wiener Zeitung, Wien 11.7.1984
205Mohammed Rassem, Zum Tode von Hans Sedlmayr, Die Presse, Wien 11.7.1984
206Frodl, a.a.O., S. 44
207Justin Stagl, Hans Sedlmayr im 21. Jahrhundert, Die Presse, Wien 18.1.1996