Aus : Wolfgang Braunfels, Eckart Peterich, Kleine italienische Kunstgeschichte, München 1960, S. 136

Seit dem späten siebzehnten Jahrhundert zeigten sich allenthalben in Italien immer deutlichere Merkmale eines politischen künstlerischen, kulturellen Niedergangs. Das Schwergewicht der Welt hatte sich vom Süden, von Spanien und dem römischen Papsttum, immer mehr nach dem Norden verlagert. Nur der großen Seestädten Italiens gelang es noch, einen Rest ihre alten Reichtums und ihrer alten Bedeutung zu bewahren, und nur dort konnte auch die Kunst noch eine Nachblüte erleben In Neapel gab es seit dem frühen siebzehnten Jahrhundert eim bedeutende Malerschule, deren Gründer noch Caravaggio war In Genua entstanden damals die reichen Paläste der Via Gari baldi und die üppigen Villen der Riviera. Venedig, in dem sei Tintorettos Tod urplötzlich die malerische Schaffenskraft er lahmt war, erlebte einen letzten, glänzenden Sonnenuntergang das venezianische Rokoko.


Die Lagunenstadt war seit einem halben Jahrtausend von eine: kleinen Gruppe kluger und reicher Patriziergeschlechter beherrscht worden. Den welterfahrenen Männern aus diesen Familien gelang es, dem Staatswesen auch im Zeitalter des Absolutismus die Freiheit zu erhalten, doch allmählich büßte Venedig immer mehr von seinem Reichtum und Einfluss ein. E sieht fast aus, als habe es sich dafür durch ein großes und freu diges Fest der Dichtung und der Künste entschädigen wollen das die Lagunenstadt während des ganzen achtzehnten Jahrhunderts mit dem reichsten Leben erfüllte. Goldoni, der größte Lustspieldichter Italiens, hat uns dieses Fest in mehr als hundert Stücken geschildert. Piazzetta, Longhi, Tiepolo haben die Dekorationsbilder dazu geschaffen.


Mit Piazzetta (1682-1754) beginnt nach einem Jahrhundert der Dürre üppigste Fruchtbarkeit. Alte Kirchen, vor allem Santi Giovanni e Paolo, erhalten neue, reiche Deckengemälde. Die strengen Dogengesichter, die wir aus Tizians und Tintorettos Bildern kennen, zeigen sich nunmehr im Fastnachtsschmuck. Mit wunderbar leichtem Pinsel entwirft Piazzetta Frauenköpfe von bezaubernd sinnlichem Leben. Sein Schüler Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770) hat ihn an Farbenreichtum und Glanz der Dekoration noch übertroffen. Paolo Veronese ist sein Vorbild gewesen. An festlicher Pracht der Farbe ist er allein ihm ebenbürtig. Tiepolo wird zum großen Maler der venezianischen Paläste und Villen. Bald wurde ihm die enge Heimat zu klein. Die Fürsten Europas stritten sich um ihn. Die kunstfreudigen Schönborns ließen durch ihn 1750 das großartige Treppenhaus des Würzburger Schlosses ausmalen. Balthasar Neumann, der bedeutendste Baumeister des Jahrhunderts weit über Deutschlands Grenzen hinaus, fand in ihm den ebenbürtigen Mitarbeiter. Als Hofmaler des spanischen Königs starb Tiepolo bald darauf in Madrid. Er war das letzte überragende Genie, das die große, kaum je unterbrochene Blütezeit der italienischen Kunst hervorgebracht hat. In seinen Bildern finden die Sinnesfreude der italienischen Kunst und ihre unerschöpfliche Lust an der Farbe zum letzten Male großartigen Ausdruck. Ein letztes Mal dient die große klassische Form der Vereinigung von griechischem Mythos und christlicher Lehre in einem festlichen Bild. Das große Zeitalter der Malerei, das mit Giotto begonnen hatte, war mit ihm zu Ende gegangen.


Ein bescheidener, mehr bürgerlicher Maler jener Zeit ist Pietro Longhi, der Genremaler Venedigs, ein Freund Goldonis: In zahlreichen kleinen Bildern schildert er anmutig das tägliche Leben der Venezianer, ihre Stuben und Kaufläden, ihre Theater und Fastnachtsfreuden. Sein Sohn Alessandro, dem wir vor allem gute Porträts verdanken, hielt die Kunstrichtung des Vaters bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein lebendig. Ihre Ergänzung findet die Genremalerei der beiden Longhi in den Landschaften und Stadtveduten des vornehm strengen Canaletto (1697-1768 und des genialen Guardi (1712-1793). Während Canaletto uns in seinen klaren, sachlichen Ansichten ein getreues Bild Venedigs bietet, ist Guardi der Maler des flimmernden Lagunenlichtes, überhaupt der Lichtwirkungen, ein früher Impressionist, dem das Entzücken über die Schönheit der Welt und die Liebe zur Heimat den Pinsel löste. Kanäle versanden, Paläste verfallen, Geschlechter verarmen. Auf dem Markusplatz tanzt das Volk. Aber Bettler wie Fürsten hüllt südliche Sonne in verklärendes Licht. Ein geistvolles Wort Goldonis lautet : Ein kühner Pinselstrich Guardis läßt den Niedergang der Republik vergessen, die kampflos starb, als wußten die weisen Patrizier, daß die Zeit der Stadtstaaten auf immer vorbei ist. Noch einmal findet ein Maler letzten, verfeinerten Ausdruck für all die gewaltigen malerischen Probleme, die Venedigs Künstler durch Jahrhunderte bewegten und für die sie so vielfache und bewundernswerte Lösungen fanden.

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