Das Arsenal

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Die Bezeichnung "Arsenal" stammt aus der arabischen Sprache und bedeutet "Haus für die Kunst, den Beruf, das Gewerbe". Das Gelände im Nordosten der Stadt umfasst 46 Hektar, wozu auch große Wasserflächen gehören. Die Anlage stammt aus dem 12. Jahrhundert und entwickelt sich am stärksten  im 15. und 16. Jahrhundert. Das Arsenal ist bis in das 18. Jahrhundert das wichtigste Industriegebiet Venedigs. Sein Vorsteher dürfte aus einer alten Schiffsbauerfamilie stammen. Er ist vollbärtig, umgürtet und mit einem Säbel bewaffnet. Seinen würdigen bodenlangen Umhang kennen wir aus einem 1590 in Venedig erschienenen Buch des Cesare Vecellio über "antike und moderne Kleidung aus verschiedenen Teilen der Welt" . Der Kommandant des Arsenals ist allen anderen Admirälen übergeordnet. Im Osten liegt das durch lange Mauern gesicherte Schiffszentrum der Stadt, mit den riesigen Vorratsmagazinen, Docks, Werkstätten und Lagerhäusern für den Bau und die Ausrüstung der staatlichen Flotte. Schiffbauholz wird auf einem riesigen Lagerplatz bereitgehalten. Hundert Schiffsrümpfe, achthundert Kanonen und die Bewaffnung für 50.000 Mann werden für den Ernstfall verwahrt.

Im Arsenal wird von 16.000 Menschen die Handels- und Kriegsmarine der Republik gebaut und gewartet. Ideen der industriellen Produktion wie Normierung und Standardisierung werden vorweggenommen. Zur Fließbandarbeit fehlt nur noch ein kleiner Schritt. Vierhundert Frauen nähen Segel. Die Arsenalotti, die Werftarbeiter sind unkündbare Angestellte der Republik. Sie stellen die Feuerwehr in der Stadt und bewachen den Dogenpalast, die Münze und das Arsenal. Sie allein haben das Recht, das Staatsschiff, den Bucintoro zu rudern. Der Bucintoro hat im Arsenal ein eigenes, elegantes Gebäude das 1547 von dem Architekten Michele Sanmicheli errichtet wird. Zu Vecellios Zeiten, als Venedig noch Seemacht ist, besitzt es über 3000 seetüchtige Schiffe. Die Werft ist imstande an einem einzigen Arbeitstag ein Boot fertig auf Kiel zu legen. Um die Mitte des 18.Jahrhunderts werden nur noch 60 bis 70, meist ausländische Fabrikate überholt. 

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Auf der bemalten Holztafel, dem Firmenschild einer Werkstatt im Arsenal, aus dem Jahre 1517 können wir die Arbeit der Zimmerleute verfolgen, die unter dem Patronat ihres Handwerkskollegen Petrus aus einem mächtigen Stapel Bauholz Ruder- und Segelschiffe herstellen. Die Figuren sind im Verhältnis zu den Booten übergroß dargestellt, um ihre verschiedenen Verrichtungen beim Hobeln, Zuhauen und Ausmessen mit Zirkel und Richtscheit besser erkennen zu lassen. Ein typisches Erzeugnis des Arsenals dieser Zeit ist die Galeere. Jacopo de Barbari läßt uns mit seinem Holzschnitt aus dem Jahre 1500 einen Blick in das Dock werfen, in dem gerade zwei solche Schiffe gebaut werden. Dahinter liegt ein überdachtes Prunkboot mit einer Galionsfigur, der Buzentaurus.

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Johann Wolfgang von Goethe,  Tagebucheintrag der italienischen Reise,  5. Oktober 1786

"Heute früh war ich im Arsenal, mir immer interessant genug, da ich noch kein Seewesen kenne und hier die untere Schule besuchte: denn freilich sieht es hier nach einer alten Familie aus, die sich noch rührt, obgleich die beste Zeit der Blüte und der Früchte vorüber ist. Da ich denn auch den Handwerkern nachgehe, habe ich manches Merkwürdige gesehen, und ein Schiff von vierundachtzig Kanonen, dessen Gerippe fertig steht, bestiegen.
Ein gleiches ist vor sechs Monaten an der Riva de' Schiavoni bis aufs Wasser verbrannt, die Pulverkammer war nicht sehr gefüllt, und da sie sprang, tat es keinen großen Schaden. Die benachbarten Häuser büßten ihre Scheiben ein. Das schönste Eichenholz, aus Istrien, habe ich verarbeiten sehen, und dabei über den Wachstum dieses werten Baumes meine stillen Betrachtungen angestellt."

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Der Vergleich des heutigen Zustandes mit dem alten Plan zeigt, daß viele Gebäude abgerissen und die verzweigten Hafenbecken zu einer größeren Fläche zusammengefasst wurden Auf dem mit der Feder gezeichneten Plan des Arsenals vom Anfang des 19. Jahrhunderts sind noch die verwinkelten Werftanlagen mit den Montagehallen zu erkennen. Ansicht des Arsenals, Aquarell von Antonio die Natale, Venedig 17. Jahrhundert, Museo Correr  

 

 

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Im Becken des Arsenals ist ein mächtiger Hafenkran aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zu erkennen. An seinem Fuße liegen die Anker ausgemusterter Schiffe. Der Turm an der Laguneneinfahrt spiegelt sich in einem verlassenen Wachhäuschen. Der frühere Rüstungsbetrieb steht leer, beginnt zu zerfallen. Reizvoll nüchterne  Zweckbauten verlangen eine neue Nutzung. Die auf den Kanälen der Stadt allgegenwärtigen kleinen Motorboote, die häufiger als Straßenbahnen verkehren, werden in den Werkstätten repariert, aber nicht gebaut. Nordöstlich der Anlage liegt ein Frachtschiff, an dem gerade Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Im Hintergrund zeichnen sich die Inseln San Erasmo und Le Vignole ab.

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Vier gleich große Hallen dienen als Gleitbahnen, auf denen Schiffe zu Wasser gelassen werden. Sie sind verbunden durch große Arkaden. Sie werden im Jahre 1546 nach Plänen  von Jacopo Sansovino erbaut. Ihre weitgespannte, freitragende hölzerne Dachkonstruktion gleicht der des Dogenpalastes. Einzelne Balken werden mit eisernen Klammern zusammengestückelt, weil die Höhe eines Baumes nicht ausreicht, um die riesigen Arbeitsflächen zu überdachen. Die sturmfeste Zimmermannsarbeit trägt jahrhundertlang gewaltige Ziegellasten. Das Gewicht wird geschickt verteilt auf senkrechte, waagrechte und diagonale Träger, die auf Veränderungen der Witterung nachgiebig aber standhaft reagieren können. Die "Gaggiandre" sind zwei große Schwimmdocks. Sie werden zwischen 1568 und 1573 nach Plänen von Jacopo Sansovino erbaut. 

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Die Gitter am Staatsgefängnis neben dem Dogenpalast könnten aus der Schmiedewerkstatt des Arsenals stammen. Hundert Schmiede sind täglich in zwölf Werkstätten beschäftigt. Die Essen mit ihren mächtigen Kaminen dienen zum Schmieden von Ankern und Ketten. Das Gitter ist ein Musterbeispiel höchster Materialbeherrschung bei der Eisenbearbeitung. Die Stangen sind nicht verschweißt. Das glühende Metall ist abwechselnd an waagrechten und senkrechten Teilen in regelmäßigen Abständen durchlöchert. Dabei muss das am Ende meterhohe Gitter über das Feuer gewuchtet werden. Unter Einsatz von Körperkraft, Erfahrung und Augenmaß wird ein dauerhaft verbundenes, unauflösliches Eisengeflecht geschaffen.

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Die "corderia" in der städtischen Schiffswerft Venedigs versorgt die Flotte mit selbst gewundenem Tauwerk  Der langgestreckte Bau mit seiner hölzernen Dachkonstruktion steht auf der Südseite des Arsenals. Er  gliedert sich in ein Mittelschiff und zwei Seitenschiffe, über denen sich in der Höhe von sieben Metern Emporen befinden. Die Halle wurde 1303 erbaut  und in den Jahren 1579 und 1585 nach Entwürfen von Antonio da Ponte wiedererrichtet . Die Länge beträgt 316 Meter, die Breite 21 Meter, Höhe fast 10 Meter.  Die "corderia" bietet eine Nutzfläche von 6400 Quadratmetern. Die sturmfesten Wanten, Brassen, Schoten, Leinen, Fallreeps und Tampen venezianischer Segler stammen von hier. Die  zuverlässig haltbaren Erzeugnisse der Seilerei werden bei Festen auf der Piazetta vorgeführt. Die lange Halle, in der das "laufende und stehende Gut", das bewegliche und unbewegliche Tauwerk der Marine hergestellt wurde, beherbergt heute Ausstellungen. Sie steht unweit der drei Erzgießereien. Die "Artiglerie" sind verbunden mit der "corderia" durch das Gebäude mit der Aufstellungsfläche früherer Belagerungsgeschütze. Das eingeschossige Gebäude aus dem Jahr 1560 ist 170 Meter lang . Es ist eingeteilt in sieben Einzelräume. Die Breite variiert zwischen 15 und 17 Metern. Die Hallen stehen über einer Grundfläche von 3300 Quadratmetern .

Wir sehen die "corderia" rot auf der Karte markiert und unten auf dem Ausschnitt eines Stiches von Jacobo de' Barbari :

Taue aus Naturfasern geben noch heute eine rasche Verbindung zwischen den Wasserfahrzeugen und dem Land. Sie werden aus natürlichen Pflanzenfasern, aus Hanf hergestellt. Hanftauwerk schwimmt nicht. Es kann nur durch Teeren gegen Fäulnis geschützt werden. Naturfasertauwerk hat vor allem den Nachteil, dass es empfindlich gegen Feuchtigkeit ist. Die Fasern nehmen Wasser auf und schwellen, die äußeren werden dabei stark gereckt. Es vermindert auch ihren Zusammenhalt. Beides zusammen bewirkt eine erhebliche Verminderung der Bruchfestigkeit. Naturfasertauwerk erholt sich nicht von Überbelastung. Ist es einmal bis fast an die Grenze seiner Bruchfestigkeit belastet worden, muss es ausgemustert werden. An den Landepontons liegen immer wieder solche verbrauchten Taue. Sie lassen sich nicht überdehnen, zerreißen bei Überbelastung allmählich, ohne herumzuschleudern und dabei Matrosen und Passagiere zu gefährden. Die Kunst des raschen und sicheren Knotenschürzens gehört zum Alltag der Stadt im Wasser.


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In den Werkstätten Venedigs hat sich noch immer die Handwerkskunst erhalten, die einst im Arsenal gepflegt wurde. Bootsbauer und Ruderschnitzer gehören zu den gefeierten Meistern eines Viertels. Von ihrem Können hängt viel ab, wenn Regatten ausgetragen werden. Traditionelle Formen der Holzbearbeitung erlauben eine Maßarbeit für den Auftraggeber. Sie richtet sich nach dem sportlichen Zweck, der Vorliebe für gemächliche Fortbewegung oder nach den Notwendigkeiten des Transports über weite Strecken in verwinkelten Wasserwegen. Auf den Kanälen von Castello oder Cannaregio sind Einzelstücke vertäut, denen der tägliche Gebrauch, die liebevolle Pflege und beharrlich geschickte Instandhaltung anzumerken ist.

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Im Jahre1999 fand anlässlich der 48. Biennale eine große Rettungsaktion für das Arsenal statt. Umfangreiche Restaurierungsarbeiten wurden durchgeführt, Dächer repariert. Das Gelände  wird heute für Ausstellungen der Biennale genutzt und bietet insgesamt 17.000 Quadratmeter Fläche für die Besichtigung von Gemälden, für das Durchschlendern begehbarer Kunstwerke, das Erleben von großformatigen Videoinstallationen. Es gibt zwei Theater, eines im früheren Arsenalkino, eines bei den Tese und Giardini delle Vergini in der Nähe der Schwimmdocks.