Das Arsenal
Im Arsenal
Johann Wolfgang von
Goethe, Tagebucheintrag der italienischen Reise,
"Heute früh war ich im Arsenal, mir immer interessant genug, da ich noch
kein Seewesen kenne und hier die untere Schule besuchte: denn freilich sieht es
hier nach einer alten Familie aus, die sich noch rührt, obgleich die beste Zeit
der Blüte und der Früchte vorüber ist. Da ich denn auch den Handwerkern
nachgehe, habe ich manches Merkwürdige gesehen, und ein Schiff von
vierundachtzig Kanonen, dessen Gerippe fertig steht, bestiegen. Ein
gleiches ist vor sechs Monaten an der Riva de' Schiavoni bis aufs Wasser
verbrannt, die Pulverkammer war nicht sehr gefüllt, und da sie sprang, tat es
keinen großen Schaden. Die benachbarten Häuser büßten ihre Scheiben ein.
Das schönste Eichenholz,
aus Istrien, habe ich verarbeiten sehen, und dabei über den Wachstum dieses
werten Baumes meine stillen Betrachtungen angestellt."
Im Becken des Arsenals ist ein mächtiger Hafenkran aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zu erkennen. An seinem Fuße liegen die Anker ausgemusterter Schiffe. Der Turm an der Laguneneinfahrt spiegelt sich in einem verlassenen Wachhäuschen. Der frühere Rüstungsbetrieb steht leer, beginnt zu zerfallen. Reizvoll nüchterne Zweckbauten verlangen eine neue Nutzung. Die auf den Kanälen der Stadt allgegenwärtigen kleinen Motorboote, die häufiger als Straßenbahnen verkehren, werden in den Werkstätten repariert, aber nicht gebaut. Nordöstlich der Anlage liegt ein Frachtschiff, an dem gerade Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Im Hintergrund zeichnen sich die Inseln San Erasmo und Le Vignole ab.
Vier gleich große Hallen dienen als Gleitbahnen, auf denen Schiffe zu Wasser gelassen werden. Sie sind verbunden durch große Arkaden. Sie werden im Jahre 1546 nach Plänen von Jacopo Sansovino erbaut. Ihre weitgespannte, freitragende hölzerne Dachkonstruktion gleicht der des Dogenpalastes. Einzelne Balken werden mit eisernen Klammern zusammengestückelt, weil die Höhe eines Baumes nicht ausreicht, um die riesigen Arbeitsflächen zu überdachen. Die sturmfeste Zimmermannsarbeit trägt jahrhundertlang gewaltige Ziegellasten. Das Gewicht wird geschickt verteilt auf senkrechte, waagrechte und diagonale Träger, die auf Veränderungen der Witterung nachgiebig aber standhaft reagieren können. Die "Gaggiandre" sind zwei große Schwimmdocks. Sie werden zwischen 1568 und 1573 nach Plänen von Jacopo Sansovino erbaut.
Die Gitter am Staatsgefängnis neben dem Dogenpalast könnten aus der Schmiedewerkstatt des Arsenals stammen. Hundert Schmiede sind täglich in zwölf Werkstätten beschäftigt. Die Essen mit ihren mächtigen Kaminen dienen zum Schmieden von Ankern und Ketten. Das Gitter ist ein Musterbeispiel höchster Materialbeherrschung bei der Eisenbearbeitung. Die Stangen sind nicht verschweißt. Das glühende Metall ist abwechselnd an waagrechten und senkrechten Teilen in regelmäßigen Abständen durchlöchert. Dabei muss das am Ende meterhohe Gitter über das Feuer gewuchtet werden. Unter Einsatz von Körperkraft, Erfahrung und Augenmaß wird ein dauerhaft verbundenes, unauflösliches Eisengeflecht geschaffen.
Die "corderia" in der städtischen Schiffswerft Venedigs versorgt die Flotte mit selbst gewundenem Tauwerk Der langgestreckte Bau mit seiner hölzernen Dachkonstruktion steht auf der Südseite des Arsenals. Er gliedert sich in ein Mittelschiff und zwei Seitenschiffe, über denen sich in der Höhe von sieben Metern Emporen befinden. Die Halle wurde 1303 erbaut und in den Jahren 1579 und 1585 nach Entwürfen von Antonio da Ponte wiedererrichtet . Die Länge beträgt 316 Meter, die Breite 21 Meter, Höhe fast 10 Meter. Die "corderia" bietet eine Nutzfläche von 6400 Quadratmetern. Die sturmfesten Wanten, Brassen, Schoten, Leinen, Fallreeps und Tampen venezianischer Segler stammen von hier. Die zuverlässig haltbaren Erzeugnisse der Seilerei werden bei Festen auf der Piazetta vorgeführt. Die lange Halle, in der das "laufende und stehende Gut", das bewegliche und unbewegliche Tauwerk der Marine hergestellt wurde, beherbergt heute Ausstellungen. Sie steht unweit der drei Erzgießereien. Die "Artiglerie" sind verbunden mit der "corderia" durch das Gebäude mit der Aufstellungsfläche früherer Belagerungsgeschütze. Das eingeschossige Gebäude aus dem Jahr 1560 ist 170 Meter lang . Es ist eingeteilt in sieben Einzelräume. Die Breite variiert zwischen 15 und 17 Metern. Die Hallen stehen über einer Grundfläche von 3300 Quadratmetern .
Wir sehen die "corderia" rot auf der Karte markiert und unten auf dem Ausschnitt eines Stiches von Jacobo de' Barbari :

Taue aus Naturfasern geben noch heute eine rasche Verbindung
zwischen den Wasserfahrzeugen und dem Land.
In den Werkstätten Venedigs hat sich noch immer die Handwerkskunst erhalten, die einst im Arsenal gepflegt wurde. Bootsbauer und Ruderschnitzer gehören zu den gefeierten Meistern eines Viertels. Von ihrem Können hängt viel ab, wenn Regatten ausgetragen werden. Traditionelle Formen der Holzbearbeitung erlauben eine Maßarbeit für den Auftraggeber. Sie richtet sich nach dem sportlichen Zweck, der Vorliebe für gemächliche Fortbewegung oder nach den Notwendigkeiten des Transports über weite Strecken in verwinkelten Wasserwegen. Auf den Kanälen von Castello oder Cannaregio sind Einzelstücke vertäut, denen der tägliche Gebrauch, die liebevolle Pflege und beharrlich geschickte Instandhaltung anzumerken ist.
Im Jahre1999 fand anlässlich der 48. Biennale eine große Rettungsaktion für das Arsenal statt. Umfangreiche Restaurierungsarbeiten wurden durchgeführt, Dächer repariert. Das Gelände wird heute für Ausstellungen der Biennale genutzt und bietet insgesamt 17.000 Quadratmeter Fläche für die Besichtigung von Gemälden, für das Durchschlendern begehbarer Kunstwerke, das Erleben von großformatigen Videoinstallationen. Es gibt zwei Theater, eines im früheren Arsenalkino, eines
bei den Tese und Giardini delle Vergini in der Nähe der Schwimmdocks.