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Francesco Guardi, Die Ausfahrt des Bucentaur zum Lido. 66 x 100 cm, Paris, Louvre

Die Bauweise des "Bucintoro" erinnert am Ende der venezianische Seeherrschaft noch einmal an ihre Anfänge. Der massige Schiffskörper wird wie eine Galeere vorwärtsgetrieben. Der Rammsporn, der vordem in die Seite gegnerischer Schiffe gejagt wurde, ist vergoldete, quirlige Schnitzerei. An der Stelle bewaffneter Entertruppen tummelt sich jetzt eine hochgestimmte Gesellschaft an Deck, deren gepuderte Perücken funkeln. Ein schwimmendes, auf der Dünung tanzendes Fest spielt vor grandioser Architekturkulisse. Das glanzvolle, schwankende, von fern schwerelos wirkende Schauspiel wird bewegt von schwer arbeitenden Ruderknechten. Das Wasser trennt streng die Zuschauer an der Promenade von den sich ausladend zur Schau stellenden Akteuren.

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Francesco Guardi, Fest auf der Piazetta am letzten Donnerstag im Karneval in Anwesenheit des Dogen, 67 x 100 cm, Paris, Louvre

Vom Campanile herab rast ein Akrobat auf einem Seil im »Flug« pfeilschnell zur Piazetta und verstreut Sonette unter die Menge. Oder ein als Engel verkleideter Seemann schwebt am Seil vom Turm zum Dogenpalastes und überreicht dem Dogen einen Blumenstrauß. Ein als Kriegsgott kostümierter Matrose vertraut sich einem seilgeführten Luftschiff an, hofft dass Taue und Seilrollen halten. Waghalsige Seiltänzer und Luftkünstler riskieren ihr Leben unter den Augen des ehrwürdigen Stadtregenten. Sie beherrschen die Höhe vor dem baldachingeschützten Balkon und der eigens gezimmerten Tribüne des Stadtadels. Unter Einsatz ihres Lebens huldigen sie dem obersten Vertreter der Republik. Ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit und körperliche Unversehrtheit erweisen sie stellvertretend für das Volk dem von wenigen gewählten Herrscher die Ehre.  Ihr halsbrecherischer Weg hoch über dem Pflaster der Piazetta führt vorbei an einem barocken fähnchengeschmückten, atlasbekrönten dreistöckigen Festpavillon, von dem sich der Markuslöwe und der heilige Theodor auf seiner Säule abzuwenden scheint. 

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Canaletto, Das Rochusfest, London, National Gallery

Der 16. August ist der Jahrestag des Heiligen. Er gilt als Beschützer gegen die Pest. Er  ist bedeutend angesichts der häufigen Epidemien in Europa und besonders in der Hafenstadt Venedig. Die Bruderschaft ist fromm und mildtätig. Schon 1478 erkennt der Rat der Zehn die dem Heiligen Rochus und Nikolaus gewidmete Organisation, die Rochusbruderschaft offiziell an. 1485 gelingt es ihr in den Besitz des Körpers des Heiligen zu gelangen und somit ihr Ansehen in der Stadt zu stärken. Ein Gemälde von Giorgione wird für wundertätig gehalten. Es verursacht Wallfahrten, Spenden und Stiftungen. Bei Versammlungen der Bruderschaft ist es üblich, an Feiertagen und bei kirchlichen Festen, die Wände der Kirche mit "Canevazzi" mit Leinwandgemälden zu schmücken, wie wir auf dem Bild Canalettos sehen. Eine Ausstellung unter freiem Himmel führt  Kunstschätze vor. Malerische Meisterwerke voll religiösen Tiefsinnes werden dem achtungsvoll beiseite stehenden Volk vorgeführt. Der Aufzug der perückengeschmückten Edelleute wird künstlerisch und geistlich überhöht durch ein barockes "Zeigelicht" aus der Höhe.

Andreas Pirot, Arlecchinos Einzug in Venedig, Gobelin aus der Manufaktur Würzburg, um 1745

Maskiertes Volk vergnügt sich ausgelassen auf dem seitenverkehrt dargestellten Markusplatz. Selbst die fränkische Bischofsstadt begeistert sich am zwanglosen Treiben in der Seerepublik. Die Manufaktur des Würzburger Fürstbischofs zitiert die Markuskirche nur beiläufig und stürzt sich in das komödiantische Treiben. Vornehme Herren mit Perücken und bodenlangen Roben stehen abseits, wenden der Szene den Rücken zu. Der Mohr tanzt mit einem Bären. Die komischen Gestalten des Arlechino und der Pulcinella werden triumphal in einem improvisierten Festumzug unter musikalischer Begleitung herumgetragen. Herrschaftliche barocke Aufführungen werden munter nachgeäfft. Zeremonien bei fürstlichen Hochzeiten, Prozessionen bei Staatsbesuchen, erhabene fürstliche Auftritte werden vom übermütigen Volk aufgegriffen . Den Standespersonen muss das recht sein. Ein zerlumpter Gesell mit breitkrempigem Hut schwingt das Tanzbein. Er dreht sich mit einer Dame im Kreis, die kokett ihr edles Gewand schürzt.

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Giacomo Franco, 1610

Zwei stachelige Raubfische mit spitzen Fangzähnen schleppen an einer festen Kette die Prunkbarke, in der eine vornehme Gesellschaft steht. Die dichtgedrängten, taillierten und dekolletierten Damen bewahren Haltung auf dem schwankenden Gefährt. Edelleute vertrauen der Theatermaschinerie. Der inszenierte Pomp muss sich von selbst fortbewegen. Wie dieser schwimmende Tempel voll festlich gekleideter Herrschaften tatsächlich vorankommt, ist ungewiss. Nirgends sind Segel oder Ruderer zu erkennen. In den Giebeldreiecken prangt der Markuslöwe,  ein doppelt mannshoher Neptun weist auf Musikanten. Der gute Geschmack und die vornehmen Manieren der vornehm gewandeten Runde scheinen die Kraft zu geben, aus der sich das phantastische Gefährt über das Wasser bewegt.

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Menschenpyramiden werden zum Karneval. auf der Piazetta aufgerichtet. Ein Gemeinwesen wird geistig und nach Körperkräften aufeinander abgestimmt. Eine gewaltige Erhebung wird veranstaltet. Kraft und Gewicht jedes Einzelnen wird kalkuliert und wie einst an den Riemen der Galeere an der richtigen Stelle eingesetzt. Es triumphiert die hierarchische Ordnung. Dutzende müssen zusammenstehen, um zwei Gestalten zu erlauben, sich über den Horizont zu erheben. Die Anstrengung wirkt selbst auf die in der Lagune navigierenden Schiffe  Der beziehungsreiche Balanceakt wird vom Markuslöwen und dem Heiligen Theodor, von Libreria und Dogenpalast flankiert. Das mittige wappentragende, statuengeschmückte Prunkgebäude zitiert die gewundenen Säulen des Papstbaldachins in St. Peter. Abends wird das Bauwerk der allgemeinen Festfreude geopfert. Es wird entflammt, wenn von ihm ein prächtiges Feuerwerk ausgeht.

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Fanfarenstöße verkünden, dass bedeutende Persönlichkeiten über die Wellen gleiten. Dumpfer Trommelwirbel ertönt. Die personifizierte Gerechtigkeit schwingt ihr Szepter am Bug der Galeere. Eine heitere Festgesellschaft fährt luftig und sonnengeschützt unter dem Markusbanner. Der Mast ist bloße Fahnenstange, Segel sind nicht mehr vorgesehen. Die Ruderer unter Deck bleiben im Dunkeln. Einundzwanzig Riemenpaare schwingen im Gleichtakt, um die vornehmen, perückengeschmückten Patrizier fortzubewegen.

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Die "Kräfte des Herkules" werden auf dem kolorierten Kupferstich von Ignazio Colombo festgehalten.  Das Kräftespiel wird aufgeführt ausschließlich von den Männern aus dem Bezirk Castello am 6.7.1773 auf dem Campo alla Tana bei der Kirche San Biagio unter der Regie von Andrea Maurizio. In der Bibliothek des Museo Correr hat sich erhalten, wie gut die Anwohner des Arsenals ihre Körperkräfte beherrschen. Selbstbewusst wird zur Schau gestellt wie sie sich abstimmen und aufeinander verlassen können. Ihr Gleichgewichtssinn, den sie einst in der himmelhoch ragenden Takelage von Schiffen einsetzen mussten, ist noch wach. Aber jetzt dient er der akrobatischen Übung, der Geschicklichkeitsvorführung ohne seemännische Notwendigkeit. 

auf die Piazetta