Impressionismus - "Eindrucksmalerei" ?
Die Malweise Claude Monets erweckt ähnlich heftigen Widerspruch wie die neuen malerischen Methoden Turners.1874 stellt er seine Gemälde mit denen anderer Freunde, die ebenfalls im offiziellen Kunstbetrieb verfemt sind, in den Räumen des Fotografen Nadar aus. Er erntet aber nur Spott und boshafte Bemerkungen. Seine Werke rufen Stürme der Entrüstung und des Hasses hervor. Ihm wird der "unfertige Eindruck" seiner Gemälde vorgeworfen. Das Publikum erwartet in ordentlicher Reihenfolge abzulesende Bildererzählungen. Es verlangt klar umrissene Konturen, leicht nachvollziehbare Perspektive und eine sauber wirkende Modellierung mit Licht und dunklen Schatten. Die plastischen Formen sollen auf den ersten Blick übersichtlich, sofort erkennbar und unmittelbar einleuchtend hervortreten. Der erstarrten, reglementierten Ateliermalerei, die hohes Ansehen genießt, stellt Monet das Instabile der Natur gegenüber. Er versteht, festzuhalten, was die neue Erfindung der Fotografie noch nicht aufzunehmen vermag. Er zeigt seine Motive in ihrer wechselvollen Bewegtheit, in ihren Stimmungen und ihrer Atmosphäre. Monet benutzt leuchtende, mit Weiß gemischte Farbtöne, malt Schatten farbig und trägt die Farbtöne mit lockerem Pinselstrich in Flecken direkt auf die Leinwand auf. Die traditionelle Trennung des künstlerischen Prozesses in vorbereitende Skizze und Ausarbeitung im Atelier fällt weg. Die Bilder werden vor Ort fertiggestellt. Die Bildkomposition handhabt Monet unkonventionell. Seine Motive werden teilweise verdeckt, teilweise am Rand angeschnitten. Claude Monet ist beeindruckt durch Turner. Er hat seine Bilder bei einem Aufenthalt in London studiert. Er malt konsequent im Freien, besteht darauf, alles selbst zu sehen. Er sucht den schlagartigen, ganzheitliche optischen Reiz, die frappierende Ausschnitte. Er beachtet genau die wechselnde Farbwirkung des Sonnenlichtes in Abhängigkeit von den atmosphärischen Erscheinungen der Lagune. Er registriert die farbliche Veränderung der weichen, von den Lichtreflexen im Wasser gedämpften und belebten Schatten, verfolgt die Wanderung der harten Schlagschatten nach den Gesetzen der Perspektive.
Claude Monet, Der Canale Grande mit der Kirche Santa Maria della Salute, 1908
Im Herbst des Jahres 1908 entsteht eine ganze Folge von Venedigbildern. Monet wohnt zuerst im Palazzo Barbaro, dann im ebenfalls am Canale Grande gegenüber von Santa Maria della Salute gelegenen vornehmen Grand Hôtel Britannia, das aus einem alten Adelspalast entstanden ist. Er hat eine herrliche Aussicht von den Fenstern und vom Garten des Hotels in die Richtung der Insel San Giorgio. Er studiert den gegenüberliegenden Standpunkt von einem Balkon des Klosters aus, blickt zurück auf die südwärts gekehrte Schauseite Venedigs. Die Stadt erscheint ihm als sich ständig verändernde natürliche Einheit. Er übersetzt den frischen Eindruck ihrer jede Moment wechselnden Erscheinung in lebendige Bewegungen des Pinsels. Er benutzt fein abgestimmte Farbmischungen, die äußerliche Tönungen des Bildgegenstandes mit seiner rasch sich verändernden Umwelt in Beziehung setzen. Das Zittern des Lichts, das Flimmern des Wassers, flüchtige Spiegelungen werden aufgefasst, in ihrer natürlichen Erscheinung verstanden, in malerisches Handeln übertragen. Der Dogenpalast, Santa Maria della Salute, San Giorgio, der Canale grande, die Palazzi der Contarini, da Mula und Dario rücken in das Blickfeld. Sie sollen mit einem unbestechlichem Blick gemalt werden, der wie bei der naturwissenschaftlichen Untersuchung sämtliche persönlich verursachte Verfälschungen ausschalten will. Gerade durch dieses Bemühen um Entsubjektivierung scheinen sich private Stimmungen und die augenblickliche Verfassung des Malers besonders stark mitzuteilen. Monet fixiert in langen Bilderserien feinste Nuancen der mit dem Tageslicht wechselnden Farbe eines Objektes. Er kann den Eindruck von Sonne, Kühle, leichtem Wind oder feinem Dunst in seinen Bildern erwecken. Er sucht eine Art Poesie, die durch das verschwommene, sich ständig erneuernde Spiel der Farben der Träumerei viel Raum lässt. Wenn bei ihm der Eindruck größerer Naturferne entsteht, so liegt dies daran, dass es dem Maler gelingt, einen optischen Eindruck festzuhalten, der vor ihm als ungreifbar galt.
Claude Monet, Der Palazzo Contarini, 1908
Claude Monet, Der Palazzo Dario, 1908
Monets Bilderserien können ein letztes Mal in der Galerie Durand - Ruel in ihrer Gesamtheit bewundert werden, ehe sie der Kunsthandel über die ganze Welt verstreut. Mit diesen Werken hat Monet gezeigt, dass es wegen der Lichtunterschiede in der Natur keine absolute Farbe gibt. Da sich das Aussehen jedes Gegenstands ständig verändert, besteht die Kunst des Malers darin, den geeignetsten, charakteristischsten Augenblick auszuwählen und im Bild endgültig festzuhalten. Monets Thema ist die Wiedergabe aller Brechungen des Lichts und aller atmosphärischer Wirkungen in der Natur. Infolgedessen hat Monet mit seltenen Ausnahmen seine Bilder vor der Wirklichkeit fertiggemalt. 1890 geht er mit Rücksicht auf die absolute Wahrheit der Wiedergabe dazu über, denselben Gegenstand zu allen Stunden des Tages zu malen. Der Sinn ist es, alle Nuancen der Beleuchtung und der Luft in den verschiedenen Stunden des Tages einzufangen. Seine Kunst abstrahiert in dieser Zeit soweit vom Gegenstand, daß Monet in manchen Bildern fast ungegenständlich wird. - Der psychologogische Charakter des Auftrags und der Koloristik, des Farbenkomrnas aus den Siebziger und Neunziger Jahren, weicht einer kühleren wissenschaftlichen Methode, an der die farbenmethodischen Neuerungen der Neoimpressionisten um 1886 einen gewissen Anteil haben. Der Sehprozeß wird immer mehr auf den momentanen Eindruck gestellt. Monet studiert aufmerksam die Veränderungen der Lokalfarben bei Wechsel der atmosphärischen Bedingungen, die Farbigkeit der Reflexe und Schatten und hellt seine Palette stark auf. Er will im Gegensatz zum bräunlichen akademischen Atelier- und Galerieton die Leuchtkraft des Sonnenlichtes erscheinungsgetreu wiedergeben. Dazu setzt er möglichst reine Farben in kleinen Tupfen und Strichen nebeneinander. Diese "offene" Form gibt seinen Bildern die Wirkung von raschen Skizzen nach einer in ständiger Veränderung des Erscheinungsbildes befindlichen bewegten Wirklichkeit. Monet verzichtet weitgehend auf die Darstellung von Menschen. Die Objekte werden ihm zu gegenständlich unwichtigen Anlässen für Farbbeobachtungen und Lichtspiele, deren suggestiver Stimmungsreiz auch der eben aufgekommenen Kunstauffassung des Symbolismus entgegenkommt und später die abstrakte Kunst beeinflusst. Auf Monet bezieht sich Oscar Wilde, mit seiner Bemerkung, dass die Natur den Menschen nachahme. Vor Claude Monet habe niemand das Schillern des Nebels über den Londoner Brücken bemerkt, jetzt aber könne keiner mehr den Londoner Nebel sehen, ohne an Monet zu denken. Cézanne sagt von ihm: « Er war nur ein Auge, aber was für ein Auge! »
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Claude Monet, Der Dogenpalast, 1908