
Der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt urteilt am Ende des vorletzten Jahrhunderts streng über barocke Kirchenfassaden besonders San Moisé :
" Francesco
Borromini ist für diese geschwungenen Fassaden der berüchtigte Name geworden,
obschon die übelsten Konsequenzen erst von der mißverstehenden Willkür der
Nachahmer gezogen wurden. Sein Kirchlein S. Carlo alle quattro fontane (1667)
enthält in der Tat weder innen noch außen andere gerade Linien als diejenigen
an den Fensterpfosten usw. - An S. Marcello am Korso ist die Fronte von Carlo
Fontana; S. Luca von Pietro da Cortona; S. Croce unweit vorn Pantheon aus dem
18. Jahrhundert. - Eine Seite kann man diesen Fratzengebilden immerhin
abgewinnen: sie sind wenigstens wirkliche Architektur, können schöne und
großartige Hauptverhältnisse darstellen und stellen sie bisweilen wirklich
dar. Dies wird man am besten inne beim Anblick gleichzeitiger venezianischer
Kirchenfassaden (S. Moisé, Chiesa del Ricovero, S. Maria Zobenigo, Scalzi),
welche zwar geradlinig, aber keine Architektur mehr, sondern marmorne
Schreinerarbeit sind. Die kleinlichsten Gedanken der venezianischen
Frührennaissance spuken hier in barocken Wulst gehüllt fort; es ist die
Phantasie jener Schränke von Ebenholz, Elfenbein und Email (Studioli), die
damals mit schwerem Aufwand für die Paläste der Großen beschafft wurden. Der
Platzmangel nötigte wohl zu einer konzentrierten Pracht, allein diese konnte
sich auch im Barockstil würdiger ausdrücken als durch solche Puppenkasten."
Der heutige Richterspruch eines Kunstführers fällt kaum gnädiger aus :
"Gegenüber der Basilika San Marco durchschreitet man die Säulengänge der Fabbrica Nuova und nachdem man die Calle seconda dell'Ascensione und die Salizzada S. Moisé hinter sich gelassen hat, erreicht man die Kirche S. MOISE'. Diese wurde des öfteren restauriert und hat eine dekorativ überladene, wenig elegante Barockfassade (Tremignon 1668). Sie ist ein Beispiel dafür, wie das malerisch-orientalische Element das rein architektonische übertrumpft, und im Vergleich zu den anderen ist sie nicht sehr überzeugend, da es ihr an Originalität und Feinheit mangelt. Im Inneren, in der Kapelle zur Linken der Hauptkapelle, befindet sich die Fußwaschung von Tintoretto. Ganz in der Nähe, der romanische Glockenturm mit einfachen und reinen Linien. Man begibt sich über die Brücke S. Moisé und geht dann die breite Calle 22 Marzo entlang, von wo man nach einer kurzen Abzweigung zum Campo S. Fantin und zur Kirche S. FANTIN gelangt, einem lebendigen, ansprechenden Renaissancebau des Scarpagnino', der ein wenig an S. Salvatore erinnert, mit einer Apsis im Stil von Sansovino."
Malerisch am interessantesten ist das Morgenlicht. Es bescheint die Fassade teilweise direkt. Der helle Stein beginnt zu gleißen, ohne noch allzu harte, verzerrende Schatten zu werfen. Die Sonne strahlt die Gesimse und Figuren indirekt an, wenn das Pflaster von unten nach oben reflektiert. Im Licht des Nachmittags und Abends tritt das komplizierte Bildprogramm in grafischer Ausführlichkeit hervor. Die Überfülle an bedeutungsvollen Gestalten, Attributen und ausufernden Schmuckformen steht vom Schräglicht hervorgehoben. Die komplizierte Bildsprache entstammt dem gelehrten Programm von Theologen, die den alltäglichen Passanten schwer lösbare Rätsel aufgeben. Auf dem Giebeldreieck sind Statuen des Moses, des Anführers des Volkes Israel und Empfängers der Offenbarung Gottes auszumachen. Darunter folgt eine Wappenkartusche samt posauneblasender Fama oder Gloria. Über allen drei Portalen sind perückengezierte Bildnisbüsten angebracht. Das mittlere Porträt ist durch einen Obelisken mit Inschrift hervorgehoben. Oben steht der Name eines Privatmannes namens Vincentius Fini. Der Titel eines Prokurators ist zu entziffern. Unten ist die Jahreszahl 1668 zu erkennen. Zu beiden Seiten lagern drohende, symmetrisch gestellte, trotz Raubvogelschnäbeln wenig furchterweckende Drachen. Das linke Untier wird von einem Geharnischten bekämpft.
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| Morgenlicht | Abendlicht | Regennachmittag |