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Andrea Palladio

Der Architekt und Architekturtheoretiker wird 1508 in Padua als Sohn des Müllers Piero della Gondola und dessen Frau Martha geboren. Sein Name Palladio ist bestimmt kein Familienname, sondern ein von Pallas Athene, der Göttin der Kunst und Weisheit, abgeleiteter Humanistenname. Mit 13 Jahren beginnt er eine Lehre als Steinmetz in Padua, geht später nach Vicenza. Nach drei Jahren hat er ausgelernt und wird  in die Zunft der Maurer und Steinmetze aufgenommen. Als zünftiger Fachmann für Steinbearbeitung kommt er jetzt nach Venedig. Um 1536 arbeitet er als Steinmetz bei einem Villenumbau in Cricoli. Der Bauherr, Graf Giangiorgio Trissino, ist Dichter und bewundert die griechische und römische Antike. Trissino beschäftigt sich, wie viele seiner adligen Standesgenossen, mit der Mathematik, der Dichtkunst, der Philosophie und nicht zuletzt der Architektur. Er ist in Vicenza hoch angesehen und wird für Palladio ein Mäzen. In seinem epischen Gedicht «Italia liberata dai Goti» wird eine Idealfigur entworfen, die Vorbild für den jungen Handwerker sein soll.  Der Müllerssohn bekommt eine höhere Ausbildung in der antiken Literatur und allen Zweigen der Baukunst. Besonders wichtig sind die Schriften Vitruvs. Nach vier Jahren nimmt er ihn mit nach Rom zum Studium der alten Bauten. Palladio beginnt dort mit dem Ausmessen und Katalogisieren antiker Überreste. 

Die Architekten Brunelleschi und Alberti verwenden schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viel Zeit auf das Studium der großartigen Ruinen des alten Rom,  um herauszufinden, wie diese in unzerstörtem Zustand ausgesehen hatten. Für sie ist bereits die Auseinandersetzung mit den steinernen Zeugnissen monumentaler Baukunst eine wichtige Schulung für den modernen Architekten. Maler wie Mantegna ahmen längst begeistert antike Statuen nach, aber was sie davon übernehmen, verbinden sie mit einer gotischen Empfindsamkeit. Architekten wie Lombardi wenden zwar die klassischen Ordnungen an. Sie bauen aber noch in Verbindung mit gotischer Gliederung und mit einem beinahe orientalischen Gebrauch kostbaren Marmors. In der venezianischen Malerei und Architektur des späten 15. Jahrhunderts leben noch viele gotische Elemente fort, denn die gotische Tradition ist dort zu fest verankert, um vom Kult der Antike, der sich von Florenz und Rom nach Venedig ausbreitet, völlig verdrängt zu werden. Zwar wird der klassische Stil übernommen, doch behandelt man ihn auf romantische und irrationale Weise. 

In den folgenden Jahren  wiederholen sich die Fahrten des erlauchten Trissino mit dem jungen Steinmetzen zu den Stätten, an denen das klassische Altertum lebendig geblieben ist.. Bei Palladio wird die Auseinandersetzung mit der Baukunst Bramantes und seiner Schüler spürbar. Andere Bildungsreisen führen in Städte wie Mantua, Verona, Bologna und Florenz, selbst bis in die Provence. Er lernt die zeitgenössische Architektur kennen : Sebastiano Serlio, Giulio Romano oder Jacopo Sansovino. Vornehme Humanisten aus Vicenza begleiten die beiden Architekturkenner. Neben Trissino hat auch Graf Giacomo Angarano, dem Palladio später die beiden ersten Bücher seines Hauptwerkes widmet, ihn gefördert. Eine weitere wichtige Person, die Palladio über Trissino kennenlernt, ist Daniele Barbaro. Er freundet sich mit diesem Patrizier aus Venedig an. Die Zeit ist günstig.  Venezianische Kaufleuten verdienen gut an Importen aus dem kurz zuvor entdeckten Südamerika.1554 veröffentlicht Palladio in Venedig sein erstes Buch "L´antichità di Roma", einen Mirabilienführer durch die antiken Ruinen. Die Ergebnisse seiner eigenen römischen Studien finden großes Interesse. Sie werden bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts 22 mal neu gedruckt. Die Bewerbung um die Stelle des «Proto del Ufficio del Sal» im Jahre 1554 bleibt erfolglos. Sein Entwurf zur Gestaltung der Rialtobrücke werden ebensowenig berücksichtigt, wie sein Plan zur Wiederherstellung des Dogenpalastes, der durch einen Brand zerstört worden war. Als Kenner der Antike hilft er Daniele Barbaro bei seiner Vitruv-Ausgabe im Jahre 1556. Er unterstützt ihn mit Erkenntnissen aus der eigenen praktischen Tätigkeit und fertigt selbst Illustrationen. 

Palladios berühmtester Bau ist die Villa Capra, die "Rotonda" in Vicenza. Sie wird ab 1566 auf einem Hügel angelegt, hat ein hohes Sockelgeschoss, in dem alle Wirtschaftsräume liegen. Die Repräsentationsräume sind nur im Hauptgeschoss, so dass im Inneren keine breiten Treppen benötigt werden. Das Haus soll der Erholung und dem Studium dienen. Es soll als Verwaltungssitz für das Landgut eindrucksvoll wirken. Neu ist die gleichmäßige Orientierung nach allen vier Seiten, denen antike Portici über breiten Freitreppen ein feierliches Aussehen verleihen. Der Grundriss ist quadratisch aufgebaut. Das Gebäude mit seinen harmonisch geordneten Räumen gruppiert sich fast regelmäßig um seine Rotunde. Die Rotonda wird für Paolo Almerico begonnen und erst 1591 von Scamozzi fertiggestellt für Mario Capra. Die Kuppel  wird niedriger gehalten, als in Palladios Plan vorgesehen. 1560 beginnt er mit dem Bau des Klosters Carità in Venedig, das nie ganz vollendet und schließlich großenteils durch Feuer zerstört wird  Bei. S. Giorgio Maggiore werden im gleichen Jahr  Kloster und Kreuzgang, fünf Jahre später die Kirche begonnen. Das  Innere ist 1580 vollendet. Die Fassade wird erst 1610 fertig. Im Jahr 1570 erscheint in Venedig der Erstdruck von Palladios Werk  "I quattro libri dell´architettura". Im Vorwort rühmt Palladio die Lagunenstadt als einzigen Ort, der mit antiken Resten an die Größe der Römer erinnere. Der erste Band der "Vier Bücher zur Architektur" enthält Allgemeines, Säulenordnungen und Theorie, der zweite. unter den Wohnhäusern die eigenen Werke sowie Rekonstruktionen nach Vitruv. Das dritte Buch zeigt Straßen, Brücken, Stadtplätze und Basiliken. Dabei werden eigene Werke neben solchen Vitruvs und antiken Aufnahmen gezeigt. Das vierte Buch bringt fast nur altrömische Bauten, hauptsächlich Tempel in Rom und außerhalb Roms. Als einziges neueres Werk wird Bramantes Tempietto in San Pietro in Montorio dargestellt. Die zahlreichen Holzschnitte sind mit genauen Maßangaben in Vicentiner Fuß (35,2 cm) versehen. Die Bildbände tragen Palladios Ruhm rasch über die Grenzen seines Landes hinaus. Sie werden in der Folge in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. Der gelehrte Baumeister wird nach dem Tode Jacopo Sansovinos zum ,,Publico Consultente Architettonico della Republica Veneta" ernannt. 1580 beginnt er den Bau des Teatro Olimpico in Vicenza, in dem er die Regeln des antiken Theaterbaues schöpferisch weiterentwickelt. Dabei überträgt er Elemente der Außenarchitektur wie die Kolonnaden in das Innere und schafft eine perspektivisch konstruierte Scheinarchitektur. Der Bau ist das erste massive und überdachte Theater Europas. Bei der Ausführung seines letzten Auftrags, der Errichtung des Tempietto Barbaro in Masér, stirbt Andrea Palladio 1580. Das letzte Bauwerk trägt als einziger palladianischer Bau, wohl in Vorausahnung des nahenden Todes, seinen Namen: Andreas Paladius Vicentino Inventor.

 

 

 

 

Palladio  übt eine starke und nachhaltige Wirkung auf die Baukunst ganz Europas aus. Für Jahrhunderte liefert sein architektonisches und literarisches Werk für verschiedene Bauaufgaben eine klare Gliederungssystematik und wirkungsvolle, antik ausgewiesene Dekoration. Er plant bewußt die optische Fernwirkung des Baukörpers. Das Verhältnis von Licht und Schatten zur Oberfläche des Bauwerks spielt eine große Rolle. Eine Verzahnung des Außenraumes mit dem Inneren wird angestrebt. Der Bau wird durch eine sinnreiche Orientierung mit der Landschaft verbunden. Die größte Sammlung von Palladio-Materialien befindet sich in London. Der Klassizismus, das britische und später amerikanische "antique revival"  gehen auf seine Vorarbeiten zurück. Holland schließt sich der englischen Richtung an. In Deutschland übernimmt Elias Holl die Anregungen aus dem Veneto. In Berlin kommt unter Friedrich dem Großen Palladios Vorbild  zur Geltung. In Frankreich bedeuten Perraults Louvrefassade im Jahre 1665  und die Gründung der Académie d'architecture 1671 mit Blondel an der Spitze eine Auseinandersetzung mit dem Palladianismus. Eine neue klassizistische Welle als Reaktion gegen das Rokoko erfaßt ganz Europa nach der Mitte des 18. Jahrhunderts. Aufklärerisches und vorrevolutionäres Denken verschafft sich bei  Soufflot, Louis und Gabriel Ausdruck in der palladianischen Formensprache.