Die Architekten Brunelleschi und Alberti verwenden schon in der ersten
Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viel Zeit auf das Studium der großartigen
Ruinen des alten Rom, um herauszufinden, wie diese in
unzerstörtem Zustand ausgesehen hatten. Für sie ist bereits die
Auseinandersetzung mit den steinernen Zeugnissen monumentaler Baukunst eine
wichtige Schulung für den modernen Architekten.

Palladios berühmtester Bau ist die
Villa Capra, die "Rotonda" in Vicenza. Sie
wird ab 1566 auf einem Hügel angelegt, hat ein hohes Sockelgeschoss, in dem alle Wirtschaftsräume liegen.
Die Repräsentationsräume
sind nur im Hauptgeschoss, so dass im Inneren keine breiten Treppen benötigt
werden. Das Haus soll der Erholung und dem
Studium dienen. Es soll als Verwaltungssitz für das Landgut eindrucksvoll
wirken. Neu
ist die gleichmäßige Orientierung nach allen vier Seiten,
denen antike Portici über breiten Freitreppen ein feierliches Aussehen
verleihen.
Der Grundriss ist quadratisch aufgebaut. Das Gebäude mit seinen harmonisch geordneten Räumen gruppiert
sich fast regelmäßig um seine Rotunde. Die Rotonda
wird für Paolo Almerico begonnen und erst 1591 von Scamozzi fertiggestellt für
Mario Capra. Die Kuppel wird niedriger gehalten, als in Palladios Plan
vorgesehen. 1560 beginnt er mit dem Bau des Klosters Carità in Venedig, das nie ganz
vollendet und schließlich
großenteils durch Feuer zerstört wird Bei. S. Giorgio Maggiore werden im
gleichen Jahr Kloster und
Kreuzgang, fünf Jahre später die Kirche begonnen. Das Innere ist 1580
vollendet. Die Fassade wird erst 1610 fertig. Im
Jahr 1570 erscheint in Venedig der Erstdruck von Palladios Werk "I
quattro libri dell´architettura".
Im Vorwort rühmt Palladio
die Lagunenstadt als einzigen Ort, der mit antiken Resten an die Größe der
Römer erinnere. Der
erste Band der "Vier
Bücher zur Architektur" enthält Allgemeines, Säulenordnungen
und Theorie, der zweite. unter den Wohnhäusern die eigenen Werke sowie Rekonstruktionen
nach Vitruv. Das dritte Buch zeigt Straßen, Brücken, Stadtplätze und
Basiliken. Dabei werden eigene Werke neben solchen Vitruvs und antiken Aufnahmen
gezeigt. Das vierte Buch bringt fast nur altrömische Bauten, hauptsächlich Tempel
in Rom und außerhalb Roms. Als einziges neueres Werk wird Bramantes Tempietto
in San Pietro in Montorio dargestellt. Die zahlreichen
Holzschnitte sind mit genauen Maßangaben in Vicentiner Fuß (35,2 cm) versehen.
Die Bildbände tragen
Palladios Ruhm rasch über die Grenzen seines Landes hinaus. Sie werden in der
Folge in zahlreiche Sprachen übersetzt werden. Der
gelehrte Baumeister wird nach
dem Tode Jacopo Sansovinos zum ,,Publico
Consultente Architettonico della Republica Veneta" ernannt.
1580 beginnt er den Bau
des Teatro Olimpico in Vicenza, in dem er
die Regeln des antiken Theaterbaues schöpferisch weiterentwickelt. Dabei
überträgt er Elemente der Außenarchitektur wie die Kolonnaden in das Innere
und schafft eine perspektivisch konstruierte Scheinarchitektur. Der Bau ist das erste massive und überdachte
Theater Europas. Bei der Ausführung
seines letzten Auftrags, der Errichtung des Tempietto Barbaro in Masér, stirbt
Andrea Palladio 1580. Das letzte Bauwerk trägt als einziger palladianischer
Bau, wohl in Vorausahnung des nahenden Todes, seinen Namen: Andreas Paladius
Vicentino Inventor.

Palladio übt eine starke und nachhaltige Wirkung auf die Baukunst ganz Europas aus. Für Jahrhunderte liefert sein architektonisches und literarisches Werk für verschiedene Bauaufgaben eine klare Gliederungssystematik und wirkungsvolle, antik ausgewiesene Dekoration. Er plant bewußt die optische Fernwirkung des Baukörpers. Das Verhältnis von Licht und Schatten zur Oberfläche des Bauwerks spielt eine große Rolle. Eine Verzahnung des Außenraumes mit dem Inneren wird angestrebt. Der Bau wird durch eine sinnreiche Orientierung mit der Landschaft verbunden. Die größte Sammlung von Palladio-Materialien befindet sich in London. Der Klassizismus, das britische und später amerikanische "antique revival" gehen auf seine Vorarbeiten zurück. Holland schließt sich der englischen Richtung an. In Deutschland übernimmt Elias Holl die Anregungen aus dem Veneto. In Berlin kommt unter Friedrich dem Großen Palladios Vorbild zur Geltung. In Frankreich bedeuten Perraults Louvrefassade im Jahre 1665 und die Gründung der Académie d'architecture 1671 mit Blondel an der Spitze eine Auseinandersetzung mit dem Palladianismus. Eine neue klassizistische Welle als Reaktion gegen das Rokoko erfaßt ganz Europa nach der Mitte des 18. Jahrhunderts. Aufklärerisches und vorrevolutionäres Denken verschafft sich bei Soufflot, Louis und Gabriel Ausdruck in der palladianischen Formensprache.