Blick auf Venedig
| Ansicht von Venedig. Aus der "Abhandlung über die Regierung", Buchmalerei, Chantilly, Bibliothèque Condé | Albertuito Vesputio Fiorentino, Holzschnitt, 1501 | Ansicht der Umgebung des venezianischen Staates, Holzschnitt |
Markusplatz und Piazetta, Dogenpalast und Campanile werden zu unverwechselbaren Wahrzeichen. Die Ansicht von Venedig symbolisiert in der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts die Staatsform der Republik. Noch dreihundert Jahre später rückt Canaletto einen Prokurator in der an altrömische Vorbildern orientierten Purpurtoga in den Vordergrund. Auf dem Holzschnitt wird der Dogenpalast als ein "Palast des Rates" bezeichnet. Gemeinsame Beratung und nicht die Alleinherrschaft eines von einer Minderheit gewählten Herrschers wird betont. Bücherei, Münze und Gefängnis stehen noch nicht. Die Boote geben bereits den Eindruck reger Handelstätigkeit. In einer alten Handschrift wird der Begriff "venetig" mit den bauchigen Handelsschiffen gleichgesetzt, die unter der Flagge mit dem Markuslöwen segeln. Der Hafen der Stadt liegt am Nordende des Lido bei San Nicolo, aber die Seefahrt muss gegenüber von Kirche und Palast hervorgehoben werden. Der Schwerpunkt des Welthandels hat sich seit dem 16. Jahrhundert aus dem Mittelmeer in den Atlantik verlagert. Von dort kommen die Niederländer und Briten. Sie wollen sich am politischen und wirtschaftlichen Vorbild Venedigs zu orientieren, werden ergriffen von der Vergänglichkeit einer einst alle Meere beherrschenden Seefahrernation und dem Niedergang eines weltweit bedeutenden Umschlagplatzes.
| Canaletto, Die Piazetta gegen den Torre del' Orologio, 173 x 135 cm, Windsor Castle, Royal Collections |
Blick von der Mole zwischen der Säule des Hl. Theodor und der Libreria hindurch auf die Piazetta, rechts die Markuskirche und in der Mitte den dahinter liegenden Uhrenturm. Windsor Castle, Royal Library, Federzeichnung über Kreideskizze, 23,4 x 18 cm
|
Für den bebilderten Bericht einer Reise in das Gelobte Land bildet die Vedute von Venedig den vertrauenerweckenden Anfang. Die weltweit größte Seemacht wird in ihrer unverwechselbaren, am Wasser liegenden Stadtgestalt vorgestellt. Die genaue Bestimmung des eigenen Standpunktes mithilfe von Jakobsstab, Uhr und Kompass ist eine erste Voraussetzung für Seefahrt ohne Blick auf bekannte Punkte in Küstennähe. Die Sorge um sichere Festlegung des Verhältnisses der Seefahrer zum Festland führt zu gewaltigen Fortschritten in den Kartenwerken. Die Vedutenmalerei entspricht einem Orientierungsbedürfnis. Der gegenüberliegende unbekannte Ort muss ebenso feststehen, wie die eigene Position im Raum. Bald wird diese Präzision der Feststellung noch gesteigert um genaue Angaben der Tages- und Jahreszeit, selbst der schnell sich ändernden Witterungsverhältnisse.
Wenn Markuskirche und Theodorsäule rechts zu sehen sind, verdeckt nach obigem Plan der Campanile den Blick auf den Uhrenturm und die daneben stehenden Bögen der Procuratie Nuove. Auf dem Foto wird Canalettos Perspektive wiedergegeben und ein kartographischer Fehler des Stadtplans aufgedeckt. Die starke Verkürzung der fluchtenden Fassade der Libreria könnte auf Beobachtungen mit der Camera obscura zurückgehen. Auf seiner Vorzeichnung hat Canaletto die stürzenden Linien auf der linken Seite bei der Markusbibliothek und beim Campanile noch nicht korrigiert. Bei der Säule des Heiligen Theodor ist die Abweichung von der Parallelen zum rechten Bildrand deutlich zu bemerken. Sie ist der Vorzeichnung stark verkürzt, das Kapitell ist unter der horizontalen Bildmitte. In der endgültigen Fassung des Gemäldes liegt das Säulenhaupt auf beinahe gleicher Höhe wie das Gesims des Gebäudes gegenüber. Die Fassade der Markuskirche kommt folglich besser zur Geltung. Die Komposition wird lotrecht ausgerichtet, um die Beunruhigung durch einen weiteren Fluchtpunkt außerhalb des oberen Bildrandes zu vermeiden.
Luca Carlevarijs Vedute des Molo vom Bacino di S. Marco gibt die Sichtverhältnisse richtig wieder. Für ihn steht das Treiben auf dem Wasser im Vordergrund. Dogenpalast und Libreria beherrschen die nächste Tiefenschicht. Für seine Perspektivkonstruktion könnte er einen Plan des Markusplatzes benutzt und die Ansicht von der Lagunenseite her studiert haben
Gaspar van Wittels Blickwinkel ist beinahe deckungsgleich. Die beiden Säulen auf der Piazetta wirken wie eine Visiereinrichtung. Verfolgt ihr Verhältnis zum Glockenturm und den kulissenartigen Wänden der Bauwerke, lässt sich nachträglich der Standpunkt des Betrachters vor dieser barocken Guckkastenbühne nachprüfen.
Das Kunstpublikum
Die Bilder der Vedutenmaler sind für das venezianische Kunstpublikum nur von Interesse, wenn sie heimisches Brauchtum, Prozessionen oder Jagdvergnügen genréartig wiedergeben. In den Gemächern der Patrizier spielen sie eine untergeordnete Rolle. Die Bauten der Stadt und das Volksgewimmel sind bildunwürdiger Alltag. Die Mühen der Gondolieri, das Leben von Bettlern zwischen verfallenden Häusern, die Wäscherinnen an den Kanälen, die Paläste und Brücken, bedroht vom Wasserschlag der Lagune sind unangenehm gegenwärtig. In den adeligen Kunstsammlungen der Querini-Stampalia oder Correr soll sich Frömmigkeit, europäischer Machtanspruch oder genealogische Herleitung des eigenen Erbes ausdrücken.
Die Freude am bunten Volksleben kennzeichnet vor allem den Geschmack der fremden Reisenden. Die Niederländer, Deutschen und Engländer auf ihrer großen Tour durch Europa verfügen weder über hochgestellte verwandtschaftliche Beziehungen, noch über das Detailwissen in antiker Mythologie, das die wohldurchdachten ikonographischen Programme der Paläste entschlüsseln könnte. Canaletto ist ein zuverlässiger Porträtist der mannigfaltigen Häuser- und Kirchengruppen. Im Gegensatz zu Tiepolo, seinem Zeitgenossen, malt er nicht Göttern oder Helden, vielmehr alltägliches Leben auf den Kanälen, in den engen Gassen und den Plätzen um die Pfarr- oder Klosterkirchen, vor allem aber die Stadtkulisse selbst. Die Familie des Francesco Guardi, Vater wie Mutter, kommt aus einem Tal bei Trient. Auch der Vater und der ältere Bruder waren Maler. Seine Schwester heiratet 1719 Tiepolo. Guardi wird erst im Alter von zweiundsiebzig Jahren in die Akademie der Schönen Künste von Venedig aufgenommen. Seine Veduten rechnen nicht zur hohen Kunst; ihr Gegenstand entbehre der Größe, die Komposition der Würde. Es sind zuerst Ausländer, vor allem Engländer, die den malerischen Zauber der kleinen Bilder erkennen. Antonio Canal, der "Canaletto" gerufen wird, ist ausgebildet in der Theaterdekorationswerkstatt seines Vaters Bernardo Canal. Er wird schon frühzeitig an den Werken des ersten venezianischen Vedutenmalers Luca Carlevarys geschult. 1719 studiert er in Rom, wo ihn besonders die Ruinenlandschaften des höchst erfolgreichen und vielfach nachgeahmten Giovanni Paolo Pannini beeindrucken, der seinerseits stark durch Gaspar van Wittel inspiriert wurde. Canaletto versucht in seinen Stadtansichten topographische Treue mit lebendiger Wiedergabe von Licht und Atmosphäre zu verbinden.
Briten fühlen sich zu Venedigs republikanischer und merkantiler Geschichte sowie zu seiner vorwiegend gotischen Architektur stärker hingezogen als zur kaiserlichen und klassisch-antiken Atmosphäre Roms. Venedigs einst blühendes, jetzt vergangenes Handelsreich kann melancholisch mit der gegenwärtigen Wirtschaftsmacht Großbritanniens, die gerade ihren Höhepunkt erreicht, in Beziehung gesetzt werden. Die deutlichen Anzeichen des Verfalls in Venedig bieten einen ergreifenden Kontrast zu seiner bühnenhaften Schönheit. In der venezianischen Kunstszene ist der Agent des Herzog von Richmond tätig, der für seinen Herren günstig Veduten einkaufen will. Er ärgert sich über Canaletto, der sich "launisch gibt und seine Preise jeden Tag ändert." Er schwadroniert über den vielbeschäftigten Maler : "Er hat mehr Arbeit, als er in absehbarer Zeit anständig bewältigen kann." Joseph Smith, ein englischer Geschäftsmann führt den jungen Canaletto in die Gesellschaft englischer Sammler wie des Herzöge von Bedford und Buckingham oder des Grafen Fitzwilliam in Cambridge ein. Er kauft seine Werke, oder nimmt sie in Kommission, tritt als sein Kunsthändler und Verkaufsagent in England auf. Der britische Schriftsteller Sir Horace Walpole ist vertraut mit den künstlerischen Verhältnissen in Venedig. Er schreibt den ersten Schauerroman der Literaturgeschichte. "The Castle of Otranto" spielt in der unheimlichen Welt des italienischen Adels. Walpole bemerkt zu Canalettos Situation: "Mr. Smith stellte ihn für viele Jahre um sehr wenig Geld an und verkaufte seine Arbeiten an die Engländer mit beträchtlichem Gewinn.". Walpole nennt Smith den "Kaufmann von Venedig".
Joseph Smith lebt in Venedig. Er vermarktet die gedruckten Reproduktionen von Canalettos Gemälden. Smith kommt zu Wohlstand, erwirbt 1740 einen Palazzo am Canale Grande und lässt seine Fassade renovieren. Er wird 1744 zum britischen Konsul in Venedig ernannt. Zwischen 1746 und 1750 sowie erneut von 1751 bis 1753 hält sich Canaletto in England auf und führt und zahlreiche Aufträge für Angehörige der englischen Aristokratie aus. Erst als Sechsundsechzigjähriger wird er in die venezianische Kunstakademie aufgenommen. Der österreichische Erbfolgekrieg schadet dem Kunstmarkt in der Lagunenstadt, der bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts von einem gesamteuropäischen Tourismus abhängig ist. Canalettos Neffe und Schüler Bernardo Bellotto verdingt sich nach einer Studienzeit in Italien ebenfalls im Ausland. Er weilt für kürzere Aufenthalte am Hof Maria Theresias in Wien, 1758-60 am Kurfürstlichen Hof in München, 1761 in Nymphenburg. Von 1747-1766 arbeitet er als sächsischer Hofmaler in Dresden.1767 übersiedelt er nach Warschau und tritt ab 1768 in die Dienste des polnischen Herrschers Stanislaus` II. Poniatowski.. Die bis ins Detail gehenden Exaktheit der Architekturperspektive auf seinen Gemälden legt nahe, dass Bellotto sich von der Zeichenkamera inspirieren ließ.
![]() |
![]() |
![]() |