Palladios theoretisches Hauptwerk sind " I quattro libri dell' architettura ne' quali... si tratta delle Case Private, delle Vie, de i Ponti delle Piazza, de i Xisti e de Tempij. Es erscheint in Venedig zum ersten Mal im Jahre 1570. Es folgen zahlreiche Ausgaben und Übersetzungen. Die vier Bücher enthalten, neben grundlegenden architekturtheoretischen Darlegungen, Beschreibungen und Illustrationen seiner eigenen Bauten sowie nach Vitruv und von antik-römischen Bauwerken. Im 18.Jh. wurde aus seinem Nachlaß - es waren weitere Bände geplant gewesen - ein Band «Le Terme dei Romani» herausgegeben. Es gehört zu den Leistungen Palladios, gestützt auf L. B. Alberti und Filarete und das im Venezian. um 1550 häufig intensive Studium der antiken Literatur, eine für ihre Zeit universelle Architekturtheorie geschaffen zu haben. In den Grundrissen verfolgte P. Prinzipien idealer Geometrie, die er auf mathemat. Proportionen gründete, die anthropomorph bezogen und auch aus der zeitgenössischen und antiken Musiktheorie hergeleitet waren (vgl. Tätigkeit der sog. «Accademia Vicentina»; Vitruv-Kommentar des D.Barbaro, 1556). Seine Veröffentlichungen, besonders die « Quattro libri», fanden in Italien und ganz Europa große Verbreitung und wurden in den folgenden Jh. eine Grundlage für die klassizist. orientierte Architektur. Weitere Veröffentlichungen: Zeichnungen zum Vitruv-Kommentar des D.Barbaro; Kommentar zu Cäsar mit 42 Zeichnungen.

Inhaltsverzeichnis der "Quattro Libri"
 

quattro.jpg (50111 Byte) plan5.jpg (31528 Byte) caput8.jpg (32625 Byte) konstantin.jpg (32221 Byte)
Über den Tempel von Bramante Über das Baptisterium des Konstantin
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Über das Pantheon Über den Tempel des Nerva Trajanus
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Kapitel 2

Über die Formen der Tempel und über den Schmuck, der bei ihnen zu beachten ist

Die Tempel werden rund, viereckig, mit sechs, acht oder mehr Ecken, die jeweils von einem Kreisumfang umschrieben sind, kreuzförmig oder in vielen anderen Formen und Gestalten angelegt, entsprechend den verschiedenen Erfindungen der Menschen. Diese Formen verdienen es immer
dann, gelobt zu werden, wenn sie durch schöne und passende Proportionen und durch eine feine und geschmückte Architektur gekennzeichnet sind. Aber die schönsten und regelmäßigsten Formen, von denen die anderen ihr Maß erhalten, sind die runde und die viereckige Form. Und darum spricht Vitruv auch nur von diesen beiden Tempelformen und gibt an, wie sie eingeteilt sein müssen. Davon wird zu sprechen sein, wenn die einzelnen Teile der Tempel behandelt werden. Bei jenen Tempeln, die nicht rund sind, muß man sorgfältig darauf achten, daß alle Ecken gleich gestaltet sind, habe der Tempel nun vier, sechs oder mehr Ecken und Seiten.

Die Alten haben immer bedacht, daß sie sich nicht nur bei der Auswahl der Standorte, an denen sie - wie oben schon gesagt - die Tempel erbauen mußten, jeweils nach den einzelnen Göttern zu richten hatten, sondern auch bei der Wahl der Tempelgestalt. Da Sonne und Mond sich gleichmäßig um die Erde bewegen und durch ihre kreisförmige Bahn auf jedermann eine deutliche Wirkung ausüben, so errichteten die Alten für Sol und Luna Tempel in Rundform oder in einer Gestalt, die sich zumindest der Kreisform annähert Solches geschah auch bei der Vesta - der Göttin der Erde -, die, wie wir wissen, rund ist. Jupiter - der Herr der Luft und des Himmels erhielt Tempel, die in der Mitte unbedeckt waren und umlaufende Portiken besaßen, wie ich weiter unten ausführen werde.

Auch bei den Verzierungen achteten die Alten mit großem Bedacht darauf, für welchen Gott sie bauten. Deshalb verwendeten sie bei der Minerva, dem Mars und dem Herkules die Dorika, da sie von diesen Göttern sagten, daß ihnen wegen des Kriegswesens, dem sie vorstanden, Gebäude ohne Anmut und Feinheiten angemessen seien. Doch für Venus, Flora, für die Musen, Nymphen und für die Göttinnen von mehr reizendem Wesen müsse man, so sagten sie, Tempel errichten, die der blühenden, zarteren und jungfräulichen Eigenart angemessen sind. Sie gaben ihnen daher die Korinthia als Schmuck, schien es ihnen doch, als passe zu diesen Eigenarten der Göttinnen diese feingliedrige und blühende, mit Blättern und Voluten geschmückte Ordnung. Aber der Juno, der Diana und dem Bacchus rechneten sie die Ionika zu, da bei diesen Göttern weder die Schwere der erstgenannten noch die Anmut der zuletzt genannten Götter angemessen schien. Die Ionika hält also zwischen Dorika und Korinthia die Mitte.

So lesen wir, daß die Alten bei der Erbauung der Tempel bemüht waren, den passenden Schmuck zu beachten, in dem der schönste Teil der Architektur besteht. Und so suchen auch wir, die wir keine solch falschen Götter besitzen, das Vollkommenste und Hervorragendste aus, um dem schicklichen Schmuck hinsichtlich der Tempelform zu genügen. Und weil dies die Kreisform ist, da sie von allen Formen einfach, gleichförmig, gleichmäßig, kräftig und umfassend ist, so machen wir unsere Tempel rund. Zu ihnen paßt diese Gestalt vor allem deshalb, da sie nur von einer einzigen Linie begrenzt wird, bei der man weder Anfang noch Ende feststellen kann - das eine läßt sich hier von dem anderen nicht unterscheiden -, und da diese Gestalt aus Teilen besteht, die unter sich gleich sind und all diese Teile an der Figur als ganzer teilhaben. Schließlich findet man in allen ihren Teilen die äußersten Punkte gleichweit von der Mitte entfernt. Die Kreisform ist bestens dazu geeignet, die Einheit, das unendliche Sein, die regelhafte Gleichförmigkeit und die Gerechtigkeit Gottes darzustellen.

Außerdem kann man nicht leugnen, daß Stärke und Dauerhaftigkeit bei Tempeln mehr angestrebt wird als bei allen anderen Gebäuden. Dies vor allem, wenn man bedenkt, daß sie Gott, dem Besten und Größten, geweiht sind und in sich die hervorragendsten und würdigsten Erinnerungen einer Stadt bewahren. Deshalb muß wiederum gesagt werden, daß die Kreisform, bei der keine einzige eckige Form verwendet wird, am allerbesten zu Tempelgebäuden paßt. Auch müssen Tempel geräumig sein, damit sich viele Menschen bequem zum Gottesdienst darin aufhalten können. Und unter allen Formen, die vom gleichen Umfang bestimmt sind, ist keine so geräumig wie der Kreis.

Es sind auch jene Kirchen sehr zu loben, die in Kreuzform angelegt sind. Sie haben ihren Eingang in dem Teil, der den Fuß des Kreuzes ausmacht. Dem gegenüber liegen Hauptaltar und Chor. Und in den zwei Querschiffen, die sich beiderseits wie Arme erstrecken, gibt es zwei zusätzliche Eingänge oder zwei weitere Altäre. Da dieses Gebäude in der Form eines Kreuzes errichtet ist, stellt es den Betrachtenden jenes Holz vor Augen, in dem das Geheimnis unseres Heils begründet liegt. In dieser Gestalt habe ich die Kirche von S. Giorgio Maggiore in Venedig errichtet.

Die Tempel müssen weite Portiken mit Säulen haben, die größer sind als jene, die sich zu anderen Bauwerken schicken. Und es ist gut, wenn sie groß und prächtig sind - aber nicht größer, als es der Größe der Stadt entspricht und wenn sie mit großartigen und prächtigen Proportionen errichtet sind. Da sie für den göttlichen Kult gemacht sind, steht ihnen jede Großartigkeit und Pracht zu. Man muß die Tempel mit den prächtigsten Säulenordnungen schmücken, und man muß jeder Ordnung die zu ihr passenden und die sich zu ihr schickenden Verzierungen geben. Man erbaut sie aus dem besten und kostbarsten Material, damit man mit der Tempelgestalt, mit den Verzierungen und dem Material der Gottheit alle nur mögliche Ehre erweist. Und wenn es möglich ist, so sollte man es so machen, daß der Tempel eine solche Schönheit besitzt, daß man sich nichts Schöneres vorstellen kann. Er sollte in allen Teilen so angeordnet sein, daß die Eintretenden staunen und bei der Betrachtung seiner Anmut und Wohlgestalt im tiefsten Herzen berührt stehen bleiben.

Von allen Farben paßt keine so gut zu den Tempeln wie das Weiß, da die Reinheit dieser Farbe und die Reinheit im menschlichen Leben im höchsten Maße Gott angemessen ist. Aber wenn die Tempel bemalt sind, so schicken sich jene Bilder nicht gut hierher, die mit dem, was sie darstellen, den Geist von der Betrachtung göttlicher Dinge ablenken. Halten wir uns doch nicht in den Tempeln auf, um von dem Ernst und von dem abzulassen, was wir im Geiste erblicken, wenn unsere Seelen für den göttlichen Kult und für gute Werke entflammt werden.