Bunker Poetico

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Der 1955 in Venedig geborene Marco Nereo Rotelli hat für die Biennale im abgesonderten Nordostwinkel des Arsenalgeländes einen "Bunker Poetico" geschaffen.. Die alten Gittertore der großen Waffenschmiede stehen leer. Einst zweckmäßige Ingenieurbauten ohne unnötiges Dekor sind dem Verfall preisgegeben. Werkstatteinrichtungen. Schmelzöfen, Brennöfen, Transmissionsvorrichtungen verrosten. Der geschäftiger Rüstplatz mit seinen Essen, Gußöfen, Feuerstätten der Kalfaterer steht still. Fensterhöhlen sind vernagelt, das Gemäuer lockert sich, aus den Ritzen sprießt Bewuchs. Ein kühler Hauch weht aus düsteren Hallen, in denen sich Nutzloses bizarr verkeilt. Vernietete Kessel werden vom Efeu überwuchert, glaslose eiserne Fensterflügel stehen unverwandt. Der Schauplatz leerlaufender militärischer Übungen, der labyrinthartige Werftkerker liegt verwaist. Die Zentrale nautischen Machtstrebens, der mauerumgürtete geheime Platz, dient der Kunst.

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Der Gegenstand, über den nachgedacht wird, dient als Schriftträger. Die dichterische "Poiesis" zeigt sich in der handschriftlichen, wörtlichen Verfertigung  meist auf Holz. Filzstiftschrift steht  in verschiedenen Sprachen. Andere Schreibflächen sind Blech, ein Kreissägeblatt, Spiegel. Graffitiartig lockere Handschrift entwickelt sich rankend. Mutig wird gedichtet, gereimt, werden Veröffentlichungen mit Namen versehen. Flotte Schriftzüge ohne gespreizte Künsteleien, vorgetragen mit sichtlicher Lust an der vorwärtsgewandten Bewegung. Es findet kein kalligraphischer Workshop, kein Verschnörkeln, Verzieren statt. Persönliche Gedanken treten hervor. Es werden keine umfangreichen dichterischen Ergüsse geboten. Die richtige Form ist schnell gefunden. Die Gedanken werden  mitgerissen von der Poesie des endlich in Frieden schlummernden Bunkers, der überwuchert wird von mediterran üppig aufschießendem Grün.

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Finstere Werkstätten der Kriegsvorbereitung, die nun nutzlos geworden sind, verfallen. Schreckensorte des militärischen Drills, der stumpfsinnigen Arbeitsroutine senken sich in verwilderndes Buschwerk, das andernorts abgebrannt, weggesengt wird. Die Machie breitet sich aus, beginnt bereits, aufgestellte Schrifttafeln zu überwuchern. Schriftzüge wachsen, schlängeln und räkeln sich wie die zahllosen Echsen. Mitunter werden geschichtsträchtige Raritäten zum Schreibgrund : Türblätter mit rostigen Eisenbeschlägen, abgeblättert der Lack bis auf das blanke, schrundige Holz. Mitunter werden unbeschreibliche Fundstücke gezeigt. Nereo Rotelli lebt in Mailand und in Casal Maggiore bei Cremona. Dort scheint er wichtige Objekte aus dem Strom geborgen zu haben. Treibgut, losgerissen vom ursprünglichen Zweck, wird der Öffentlichkeit vorgestellt.  Ortsfremdes, Entwurzelt findet wieder seinen Platz.  Ruiniertes Inventar, Türen aus Abbruchhäusern, ausgeblichene Taue, nutzlos gewordener Hausrat, rissige, ausgebleichte, verwaschene Planken werden für die Ausstellung bewahrt. Alles ist zerfressen, in fortschreitender Auflösung, verfällt.  Sandgefüllte Jutesäcke am Boden, wie sie zur Eindämmung von Überschwemmungen dienen, grenzen den Schauplatz ab.

  Marco Nereo Rotelli, Fare Luce, presentazione di Massimo Cacciari, Ravenna 1991

Cy Twombly erinnert in seinem zwölfteiligen Gemäldezyklus "Lepanto" an eine Seeschlacht, die von im Arsenal gebauten Galeeren geführt wurde.