Porträt eines Prokurators

Giovanni Battista Tiepolo zugeschrieben, um 1750

Öl auf Leinwand, 235x 158 cm

Das Bild muß vor dem Weggang Tiepolos nach Würzburg im Jahre 1753 entstanden sein. In den Inventaren des Jahres 1810 und 1844 wird es nicht erwähnt. Das Gemälde könnte demnach aus einer anderen Familie ererbt sein, weil es erstmals 1869 in einem Verzeichnis aufgeführt wird. Denn im Jahr 1854 vermachte Gasparo Lippomano seinem Neffen Giovanni Querini Stampalia den Palazzo Dolfin in der Pfarrei San Pantalon. Für den großen Saal dieses Gebäudes malte Tiepolo zehn Episoden aus der römischen Geschichte, die heute verstreut sind auf das Kunsthistorische Museum in Wien, das Metropolitan Museum in New York und die Eremitage in St. Petersburg. Ein Prokurator ist sicher kein einfacher Prokurist. Als "Bevollmächtigter" oder Staatsanwalt ist sein Handlungsbereich unbestimmt. Möglicherweise verwaltet er die Staatsfinanzen, die Kriegskasse, oder er kümmert sich um einen der Stadtbezirke. Ein "Prokurator von San Marco" hat Sitz und Stimme bei der Ernennung eines neuen Dogen. Er erhält vom Dogen einen Umhang von damastartigem, karmesinfarbenen Samt, der seine Amtswürde weithin sichtbar werden läßt. In diesem Gewand geht er zur Messe in die Kirche San Salvador, wie wir auf einem Gemälde von  Gabriele Bella aus der Galerie Querini Stampalia sehen können. Beim Rochusfest ist sein farbenprächtiges Ornat und die silbrig schimmernde Allongeperücke schon von fern auszumachen. Auf der Piazetta begegnen wir dem Herren in der Nähe seines Amtssitzes, der Procuratoria di San Marco.

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Gabriele Bella, Einzug eines Prokurators, nach 1779? - vor 1792, Öl auf Leinwand, 95,5x123 cm, Galerie Querini Stampalia Canaletto, Das Rochusfest, London, National Gallery Canaletto, Die Piazetta gegen den Torre del' Orologio, 173 x 135 cm, Windsor Castle, Royal Collections

Wenn die Person des Dargestellten bestimmt werden soll, ergeben sich charakteristische Schwierigkeiten. Es könnte sich um ein Porträt des Daniele IV. aus der Familie Dolfin handeln, der als "Procuratore e Provveditore Generale da mar" amtierte. Gleichfalls käme Giovanni Querini in Frage, der als "Procuratore di San Marco e inquisitore all'Arsenale" amtierte. Allerdings ist von ihm ein Bildnis erhalten, das sich deutlich von dem Gemälde im Palazzo Querini Stampalia unterscheidet. Das "Porträt des Prokurators" könnte sich auf  Daniele I , ein Dolfin, genannt Nicolò beziehen, der als "Generale a Palma e Procuratore de Supra " fungierte , oder auch seines Bruders Daniele IV. , ebenfalls ein Dolfin, genannt Girolamo, der als "Cavaliere del Senato e Capitano straordinario delle navi" diente. 

Das venezianische Staatswesen gilt noch im 17. Jahrhundert für die großen Staatsdenker James Harrington und Baruch de Spinoza als Modell eines stabilen, die Gefahren der Tyrannis und der Pöbelherrschaft gleichermaßen vermeidenden, klug gelenkten Freistaates. Im Zeitalter der Aufklärung wird die einst als Vermächtnis römischer republikanischer Tugenden gefeierte, auf Abstimmung fußende Regierungsform als abschreckendes Beispiel eigennütziger, reformunfähiger und schließlich am Desinteresse der Privilegierten selbst zugrundegehender überalterter Kastenherrschaft an den Pranger gestellt. Der venezianische Staat, der ein halbes Jahrtausend lang die Adria beherrscht und sich seit dem 15. Jahrhundert zusätzlich das nordostitalienische Festland als Hinterland, als  »Terraferma« unterworfen hat, ist eine Adelsrepublik. Das Patriziat nimmt sowohl das passive als auch das aktive Wahlrecht zum Besetzen der wichtigsten politischen und juristischen Positionen im Staate ausschließlich für sich in Anspruch. Der vornehme Stand wird in männlicher Linie vererbt. Ein Patrizier kann demnach eine bürgerliche Frau heiraten, ohne den adeligen Status, die Nobilità seiner Kinder zu gefährden. Nach 1381 ist der venezianische Adel für mehr als 250 Jahre eine so gut wie abgeschlossene Kaste. An der nadelfeinen Spitze der politischen Pyramide bleiben die engen Gremien, vor allem die "savi grandi" als Vorform der Ressortminister, an den Schalthebeln einer Macht, die der Doge in altertümlich sakralen Riten repräsentiert. Der hauptstädtische Adel ist am Ende des 18. Jahrhunderts auf einen Bruchteil einstiger Größe, auf etwa tausend Mitglieder zusammengeschmolzen und durchzogen von tiefen Spaltungen.

Neue Familien können nur auf ausdrücklichen Beschluß des Großen Rates, der alle Bewerber einzeln prüft, in den Adel aufgenommen werden. Alle männlichen Angehörigen des städtischen Adels über 25 Jahre sind durch ihre Abstammung Mitglieder des "Großen Rates". Dieses Gremium verteilt die politische Macht, indem es seine Mitglieder für eine jeweils begrenzte Zeit in politische Ämter und Gremien wählt. Die große Mehrheit des Adels  ist besitzarm oder besitzlos und daher auf Versorgung in Form von Ämtern und Pensionen angewiesen. Der Große Rat ist das Wahlorgan der Republik, als solches für die Besetzung der meisten Ämter verantwortlich. Er kann Gesetze annehmen oder ablehnen. Seine Tagesordnung wird vom Senat bestimmt. Die Mitglieder des Maggior Consiglio wählen - ausschließlich aus ihrer Mitte - sowohl die Mitglieder kleinerer Gremien etwa des Senats als auch die Richter und die Leiter der meisten Behörden. Dabei stellt der Adel stets nur die Behördenleiter. Alle anderen Funktionen wie Schreiber, Notare, Sekretäre, oder Buchhalter besetzen die Angehörigen des zweithöchsten Standes, die »Cittadini orginari«, und zwar in der Regel für unbegrenzte Zeit. Sie kümmern sich um Forstwirtschaft, Holzversorgung, um die Verfolgung und Ahndung von Falschmünzern, die Klosteraufsicht, Zinszahlungen an Kapitalanleger bei der städtischen Münze. Sie sorgen sich um Reform der Universität, die Zensur, die Piratenbekämpfung in der Levante, in Dalmatien. Sie führen die Aufsicht über die Armen- und Waisenhäuser, bekämpfen den übertriebenen Luxus sowie überhöhte Mitgiften.