Emilio Vedova

 

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San Moisè, Öl auf mit Leinwand bespanntem Karton, 50 x 35 cm, Sammlung des Künstlers, 1937-38 Alessandro Tremignon, S. Moisè, um 1668

S. Moisè steht im Südwesten des Markusplatzes am Rio di Barcaroli. Im Inneren befinden sich bemerkenswerte Bilder von Tintoretto.

 

S. Stae, 1936, Tinte, laviert, auf Papier, 33,5 x 24 cm

Die umgangssprachliche Bezeichnung "San Stae" meint den heiligen Eustachius.

Architetture Veneziane - studi, 1935/36, Bleistift auf Papier, 27,9 x 21,9 cm

 

Architetture Veneziane - studi, 1935/36, Bleistift auf Papier, 27,9 x 21,9 cm S. Giovanni e Paolo (2), 1936, Sepiatinte, laviert, 33,5 x 23,8 cm

 

Architettura Veneziana - S. Salvatore, 1936, Tinte auf aquarelliertem Papier, 32,5 x 23,5 cm

Die Kirche S. Salvatore steht  in der Nähe des Teatro Goldoni bei der Rialtobrücke. Sie wurde von Giorgio Spavento 1507 bis 1534 erbaut. 

Inneres von S. Marco, 1938

 

Architettura Veneziana - San Francesco della Vigna, 1936

Die zweite Franziskanerkirche in Venedig finden wir im 0sten der Stadt. Sie erhielt ihren Namen nach dem Weingarten, den die einflußreiche Familie der Ziani dem Orden als Baugelände 1232 geschenkt hatte. Der heutige Bau wurde 1534 nach einem Entwurf Sansovinos begonnen und mit der Verkleidung der Fassade durch Palladio 1572 abgeschlossen. Die Decke der dritten Kapelle ist mit Fresken von.Tiepolo geschmückt. Die Cappella Santa die dem Querschiff gegenüberliegt, birgt ein Gemälde Bellinis aus dem Jahre 1507.

Partisanentagebuch '45-9 (Im Krankenhaus)

 

Vedova : Kunst, Biographie und Zeitgeschichte

Am 9. August 1919 wird Emilio Vedova als drittes von sieben Kindern einer Handwerker- und Arbeiterfamilie in Venedig geboren. Mit elf Jahren arbeitet er als Gehilfe in einer Fabrik, dann bei einem Photographen und einem Restaurator. Der lang aufgeschossene Junge erkrankt an Brustfellentzündung und verbringt Monate im Spital. Nach dem Schulabschluss versucht er sich in unterschiedlichen Berufen, um seinen Lebensunterhalt verdienen und so möglichst bald zeichnen und malen zu können. Die Farben seines Vaters, Maler-Stukkateur-Dekorateur, »die mich immer anlockten«, findet er im Abstellraum ... Intensive autodidaktische Tätigkeit: Zeichnungen und Gemälde - Figuren, Architekturen, dynamische Räume ...  Er beginnt sich von der Familie zu lösen, tagelang allein herumzuziehen und zu zeichnen. Als Autodidakt lernt und arbeitet er intensiv, beschäftigt sich mit Figuren und Architekturzeichnungen. Abends nimmt er Unterricht an der Carmini-Schule, hört aber nach wenigen Wochen wieder auf. Er liest Dostojewski.

Hitler trifft im Juni 1934 Mussolini in Venedig. Im September 1935 beginnt die Abessinienkrise. Am 3. Oktober fallen die Italiener in Abessinien, also Äthiopien mit ihren Truppen ein. Am 11. Oktober beschließt der Völkerbund Sanktionen gegen Italien. Sie betreffen ein Waffenembargo, Kredit- und Rohstoffsperre. Die Maßnahmen werden sie nicht von allen Ländern strikt durchgehalten. Vor allem Frankreich, aber auch Großbritannien lassen Italien de facto freie Hand. Deutschland unterstützt Italien mit Rohstofflieferungen. 

Studio di cavalette, 1935/36, Tusche, laviert auf Papier, 23 x 17,3 cm

Vedovas Onkel Alfredo nimmt ihn in Rom auf - die Reise führt über Arezzo, Florenz, Orvieto. Der Sechzehnjährige ist begeistert von Piero della Francesca und  Masaccio Er zeichnet und malt, vor allem Architektur aus ungewöhnlichen Perspektiven. Vedova entwirft Figuren, schafft ein »Gewirr von Figuren«, malt und zeichnet zahlreiche Selbstbildnisse.

1936 erklärt Italien die Annexion Abessiniens. Der italienische König Viktor Emanuel nimmt den Titel "Kaiser von Äthiopien" an. Mussolini nähert sich Hitler stärker an, weil er deutsche Wirtschaftshilfe braucht. Nachdem Italien die Eroberung Abessiniens vollendet hat, billigt der Völkerbund die Einstellung der Sanktionen. Viele italienische Freiwillige ziehen in den Spanischen Bürgerkrieg. Schließlich kämpft eine halbe, eine Dreiviertelmillion italienischer Faschisten gegen die spanische Republik. Die Abwertung der Lira ist eine Folge der Haushaltsbelastung des Staates durch den Abessinien- und Spanienkrieg. Ein deutsch-italienischer Vertrag begründet die "Achse Berlin-Rom". Das Deutsche Reich erkennt die Annexion Abessiniens durch Italien an; beide Mächte vereinbaren einheitliches Vorgehen in der spanischen Frage und erkennen die Regierung Franco an. Im September 1937 trifft Mussolini zu einem Staatsbesuch in Berlin ein. Dem Diktator wird ein "triumphaler" Empfang bereitet. Im November tritt Italien dem "Antikominternpakt" zwischen Deutschland und Japan bei. Die Angreifer des folgenden Weltkrieges formieren sich. Im Dezember verlässt Italien den Völkerbund, erteilt den Verständigungsbestrebungen und Friedensbemühungen der nach dem letzten Weltkrieg gegründeten Organisation eine Absage.

Cavalli, Rötel auf Seidenpapier, 1937

1938 kehrt Vedova nach Venedig zurück und besucht die Bibliotheken: Marciana, Querini Stampalia, Bibliothek der Biennale ... Mit einem Südtiroler Freund geht er nach Florenz, wo die beiden eine freie Kunstschule besuchen, sich "aber viel auf der Straße" aufhalten, vor allem im Proletarierviertel San Frediano jenseits des Arno. Erste Kontakte zu antifaschistischen Kreisen. Seine bevorzugten Sujets: Akte, Interieurs, arme Leute.

Mussolin stimmt dem "Anschluß" Österreichs 13. März 1938  und in dem im Herbst folgenden deutschen Überfall auf die Tschechoslowakei zu.  Kurz vor Kriegsbeginn besucht der deutsche "Führer und Reichskanzler" Hitler mit großem Gefolge Rom. Demonstrativ wird in Feiern und Paraden die Einheit der "Achse" zur Schau gestellt. Doch weicht Staatschef Mussolini dem Abschluß eines Bündnisses aus. Hitler spricht den Verzicht auf Südtirol aus. Papst Pius XI. verläßt während der Staatsempfänge Rom. Italien kündigt zu Jahresende das Laval-Mussolini-Abkommen, beginnt also, eine bedrohliche Haltung gegenüber Frankreich einzunehmen.

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Emilio Vedova, Studie nach Daumier, 1937 Honoré Daumier, Rue Transnonain 12, Lithographie für die Zeitschrift "Caricature", 1834

Daumier bezieht sich mit seinem Blatt auf ein Massaker, das die Nationalgarde an 19 Menschen in Paris verübte. Überwiegend Frauen, Greise und Kinder wurden dort nachts niedergemetzelt, weil angeblich aus dem Haus in der Rue das Transnonain auf die Miliz geschossen worden war.

 

Emilio Vedova, Una maddalena, 1937/38

Vedovas "Massacro" verzichtet auf statuarische Stilisierung und neoklassizistische Komposition des Themas, wie sie in der zeitgenössischen italienischen Malerei üblich ist. Der inneren Bewegung entspricht die beunruhigte Linienführung, der heftige Druck der Feder auf dem feinen Papier. Verwirrung und Empörung schlagen sich zeichnerisch nieder, geballte Tatkraft und lautstarker Widerspruch äußern sich in deutlich. Das Geschehen steht nicht fest. Täter, Opfer und der Betrachter selbst taumeln durch einen unsicheren Bildraum. Vedova nimmt direkt Bezug auf Picassos Guernica. Das Gemälde des nach Paris emigrierten Spaniers wird  im Auftrag der militärisch äußerst bedrohten spanischen Republik für die Pariser Weltausstellung im Juni des Jahres 1937 gemalt. Der spanische Pavillon aus Wellblech und Lattenwerk, hebt sich sich provozierend ab vom glitzernden Protz- und Propagandarummelder Nachbarstaaten.. Er interpretiert das  Motto der Schau  »Kunst und Technik im modernen Leben« auf eigene Weise. In monumentalem Format, unpathetisch und wütend wird ein aktuelles Ereignis behandelt.  In der baskischen Kleinstadt Guernica werden am 26. April 1937  hunderte Menschen bei einem Luftangriff getötet oder verletzt. An der Generalprobe für die Flächenbombardements des folgenden Zweiten Weltkrieges nehmen neben einigen italienischen hauptsächlich deutsche Flugzeuge teil.  Im geistigen Zentrum des Baskenlandes sind die Gebäude der Stadt nahezu sämtlich zerstört. Der Oberstleutnant Freiherr von Richthofen notiert vier Tage später befriedigt in sein Tagebuch : »Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Angriff erfolgte mit 250 kg Sprengbomben und Brandbomben, letztere etwa 1/3. Als die ersten Junkers-Bomber kamen, war überall schon Qualm von Versuchsbombern des Typs Heinkel HE 111, die mit drei Flugzeugen angriffen. Keiner konnte mehr Straßen-, Brücken- und Vorstadtziel erkennen und warf nun mitten hinein. Die 250er warfen eine Anzahl Häuser um und zerstörten die Wasserleitung, die Brandbomben hatten nun Zeit, sich zu entfalten und zu wirken ( ... ), Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.« 

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Emilio Vedova. Massacro, 1937 Pablo Picasso, Guernica, 1937, Öl auf Leinwand, 351 x 782 cm, Madrid, Centro de Arte Reina Sofia A. Bazzi, Der Tod des Antonio Sant' Elia, Mailand, Galleria Gianferrari, abgebildet in der Kunstzeitschrift "Emporio" 1939

1939/40

Mit einem Südtiroler Freund ist der zwanzigjährige Vedova wieder in Florenz, eine Zeitlang an einer freien Schule für Aktzeichnen, »aber viel auf der Straße, in den Stadtvierteln jenseits des Arno, in San Frediano ... Er hat erste Kontakte zu antifaschistischen Kreisen, »... bald widersprüchliche Erfahrungen erlebt« ... Seine Sujets: Wirtshäuser, Akte (halluzinierte), Interieurs ...

1940/41

Er folgt seinem Freund Hermann  in das obere Sarntal bei Bozen, wo er die "nördliche" Natur und Kultur kennenlernt. Nach Venedig zurückgekehrt, findet er das Leben immer härter. Am faschistischen Künstlerwettbewerb "Pre-littorali" zeigt er "zersetzende" Zeichnungen über die ärztliche Tauglichkeitsuntersuchung beim Militär. Die Stiftung Bevilacqua La Masa für arme Künstler stellt ihm schließlich ein Mansardenateller im Carminati-Palast zur Verfügung. Er stellt beim Kunsthändler Ongania (Botteghe dArte) Stilleben mit Totenschädeln und Kreuzen aus. Es gelingt ihm, für militäruntauglich erklärt und ausgemustert zu werden.

In Venedig hat er ein immer schwierigeres Leben. Bei Bevilacqua La Masa, in der Ausstellung der sogenannten »Pre-Littoriali«, zeigt er eine Serie von >schwarzseherischen< Zeichnungen über die ärztliche Untersuchung beim Militär (1938). Die Stiftung Bevilacqua La Masa für arme Künstler gewährt ihm endlich ein Dachkammer-Atelier im Palazzo Carminati. Er stellt bei Ongania in den Botteghe d'Arte Stilleben mit Totenköpfen und Kreuzen aus. Es gelingt ihm, für untauglich erklärt, nicht Soldat zu werden.

In der Gewerkschaftsausstellung »Sindacale« (1941) zeigt er »Die Familie des Säufers". Aktive Beteiligung an Avantgarde-Initiativen.

L' assassinio, 1941


Beim Premio Bergamo, wo er »Der Arbeiter«, »Stilleben mit Totenkopf« und »Kleines venezianisches Café ausstellt, begegnet er 1942 Birolli, Vittorini, Guttuso, Apollonio ... in einem glühend antifaschistischen Klima: Bald danach und von nun an sehr oft geht er nach Mailand
. Er schließt sich der Bewegung >Corrente< an.

In einer drückenden Polizei-Atmosphäre (Auftritt der Faschistischen Politischen Polizei OVRA, während man das »Manifest an die Intellektuellen« für die Ausgaben der »Quaderni rossi« verfaßt, findet eine Ausstellung seiner Zeichnungen in der Galerie »La Spiga e Corrente« statt: Von Morosini präsentiert, muß sie auf Polizeianweisung sofort wieder schließen. Er kehrt nach Venedig zurück. Kompromittiert beim politischen Umsturz des 25. Juli 1943, geht er nach Florenz, nach Rom, wo er heimlich in der Via Margutta tätig ist ...Er geht  wieder Richtung Norden, in das Gebiet von Belluno, wo er sich der Widerstandsbewegung anschließt. Mit seinem Bruder Gino auf der Hochebene von Cansiglio in der Division »Nanetti«. Er wird verwundet. Bei Kriegsende Aufenthalt im Krankenhaus und Umzug in ein Atelier an den Fondamenta Bragadin in Venedig, das ein Treffpunkt für Künstler wird und wo er die ersten internationalen Kontakte anknüpft.

Am 2. Mai 1946 unterzeichnet er in Mailand, zusammen mit anderen Künstlern, das Manifest "Jenseits von Guernica". Erste Einzelausstellung im Ausland: Galerie Catherine Viviano, New York (Februar/März 1951); er stellt zum ersten Mal die »Schwarzen Geometrien« (1946-50) aus. Preis für junge Maler auf der 1. Biennale von Sao Paulo in Brasilien. Er heiratet Annabianca - Aufenthalt in Ravello, in der Schweiz (Museen und »Gletscher« .. ») -, unmittelbar anschließend Monate intensivster Arbeit im oberen Grödnertal, in einer einsamen Hütte. Beginn des Zyklus »Zusammenprall von Situationen« (Scontro di situazioni«), »Aggressivität« (seit 1958 im Besitz des Museums von Posen, Polen), »Sperre« (»Sbarramento«), später von Peggy Guggenheim erworben. Winter 1951/52 in Paris: >Musée de l'Homme ..., Place Pigalle, von Chartres zum Louvre und Montparnasse.« Dann Aufenthalt in den Bergen am Terminillo, wo er Zyklen großer Bilder malt. Er schließt sich der von Lionello Venturi gegründeten Gruppe der »Acht« an: In einem Saal auf der Biennale von Venedig stellt er neun Werke aus. Mit derselben Gruppe stellt er im Kunsthaus Zürich, später in der Kestner-Gesellschaft in Hannover, aus.

Vedova bei der Arbeit seinem Atelier im Viertel Dorsoduro, westlich von Santa Maria della Salute.

zu den autobiografischen Erinnerungen Emilio Vedovas