Autobiographische Erinnerungen von Emilio Vedova

Als kleiner Junge ging ich gern auf die Piazza San Marco, auf die piazzetta. Ich beobachtete scharf die Maler und sammelte rasch die Farbreste auf, die sie mit dem Messer von ihren Paletten kratzten: - wer mit viel Farbe arbeitete, war für mich also besonders interessant. Mit meiner Beute machte ich mich dann nach Hause (ich ging damals wohl in die zweite oder dritte Volksschulklasse) und malte mit den Fingern drauflos. In der Schule beneidete ich die Jungen sehr, die schöne, saubere, >geleckte< Zeichnungen machen konnten. Ein Kerlchen, )Brunelleschi genannt, war in dieser Hinsicht ganz außerordentlich tüchtig. Ich dagegen regte mich mächtig auf, verdreckte alles, drückte kräftig auf: - einmal kam dabei ein Bengel mit riesigen Pfoten heraus.

Meinem Fenster gegenüber lag die enge, nur drei Meter breite Gasse. Ich sah alles. Dort wohnte ein Maler mit seiner Geliebten. Wunderhübsch machte er alles, mit französischer Kreide, fabelhaft ordentlich. Er malte heilige Geschichten, kilometerweise, wahrscheinlich für Klöster ... Die Frau, die mit ihm lebte, zeigte mir, selbst ganz ergriffen, seine Zeichnungen. Mit meiner Mutter sah ich voller Staunen die Entwürfe an. Und auch ich begann mit religiösen Szenen. Dazu benutzte ich Aquarell mit Petroleum, denn so wollten es die geheimen Informationen, die ich vom Sohn der Signora bezog, die den Maler beherbergte.

Nach und nach begann ich dann die ersten Kopien nach Reproduktionen von Tizian, Velasquez, Saraceni usw. zu machen. Mein Vater - welch' merkwürdiger Vater! - sah sich das alles an. Er war ganz hingerissen und meinte, man müsse mich studieren lassen und müßte selbst die Matratzen verkaufen, wenn das nötig werden sollte. Ich arbeitete bis spät in die Nacht, bei Kerzenlicht, weil Mutter aus Sparsamkeit das Licht ausdrehte. Aber statt dessen steckten sie midi in eine Werkstatt - Emailsdülder malen! Damals begann mein Drama. Ich war zehn oder elf Jahre alt und weiß, was es heißt, um sechs Uhr morgens in der Kälte aufzustehen.

Die Arbeit bestand nicht nur im Farbenreiben den lieben langen Tag, sondern auch irn Waschen der großen Schilder und der Cafétischchen (vom Cafe' Florian) mit Ätzsoda. Diese Arbeit mußte im Winter gemacht werden, weil im Sommer die Cafétischchen fertig sein mußten. Das hieß: - das Eis der großen Zisternen, in denen die Tische versenkt wurden, aufbrechen - eine harte, unmenschliche Arbeit -, den alten Lack abkratzen, was man >Aufs Eisen Herunterbringen< nannte; das alles unter den Flüchen der Arbeiter, die mich von allen Seiten riefen - ein Durcheinander quälenden Geschreis, vor dem ich in das Klosett wie in ein Paradies flüchtete, ins Klosett der Werkstatt. Abends ging ich in die Fachschule für Dekoration und beneidete all die, die ihre Linien hübsch ziehen und die Aquarellfarbe fleckenlos auf das Papier setzen konnten - mir wollte das nie gelingen. Das geometrische Zeichnen machte mich ganz verrückt. Eines Tages nahm ich alle meine Kräfte, die die lang aufgestaute Wut verstärkte, zusammen und fuhr den Chef der Werkstatt vor allen Arbeitern, die verblüfft und ängstlich herumstanden, an: »Sie sind ein Unmensch, das ist eine Arbeit für Vieh! « Der Chef staunte mich einen Moment an, dann gab er mir einen Fußtritt und warf mich aus der Werkstatt. Bei der berüchtigten Direktion mußte ich mir meine Entlassung holen. Ich muß noch dazu sagen, daß ich viele Überstunden machte. Diese Stunden, in denen fast niemand in der Werkstatt war, nutzte ich dazu aus, mir die Farben für Sonntag vorzubereiten, die ich in einer kleinen Schachtel aufbewahrte. Sonntags ging ich dann aufs Festland hinüber und malte dort das Innere von Ställen, im Halbdunkel, mit dickem Pinselstrich. Den ganzen Tag trieb ich mich so herum. Die ganze Woche über dachte ich an diesen Tag der Freiheit, während die Arbeiter mir mit einem großen Hund Angst einjagten oder ich die großen Eisenschilder durch die Gegend balancierte.

Auch in der Kunstschule ging es schief. Einmal kam ich in einem merkwürdigen Zustand nach Hause und die Großmutter, die die weiseste von allen war - meine Mutter hatte keine Zeit, sich um alles zu kümmern, denn wir waren sieben Söhne und lebten mit ebensovielen Vettern im gleichen Hause -, Großmutter also schickte mich zum Arzt. Ich war in einem Zustand völliger Erschöpfung und wurde ans Meer ins Hospital von Pellestrina geschickt. Als mich meine Eltern in diesem Zustand sahen, machten sie sich wirk-lieh Sorge um mich, denn zuerst war ich nämlich ins Krankenhaus gebracht worden und man glaubte, ich hätte Brustfellentzündung. So lag ich im Bett. Damals war ich vielleicht zwölf Jahre alt. Dort fing ich an, um den Gedanken herumzufantasieren, venezianische Lackarbeiten zu machen, um mir etwas zu verdienen. Die Möglichkeit, ein Maler zu werden, war so weit von jeder Verwirklichung entfernt, daß ich nur an Dinge dachte, die mich diesem Ziel wenigstens ein bißchen näher brachten, oder die mir ein paar freie Stunden zum Malen ließen. Schon damals war es mir klar, daß ich Geld nach Hause bringen mußte - da war nichts zu machen! Nach ungefähr zwei Monaten kam ich aus dem Hospital heraus, und mein Vater fand für mich einen Posten bei einem Photographen auf der Piazza. Meine Mutter meinte, daß da die Arbeit nicht sehr anstrengend wäre. Auch da f and ich einen Schlupfwinkel und zeichnete, wann immer ich konnte. Er lag in einem Verschlag oberhalb und meine Leute sagten, daß ich da meine >Männchen< male. Dort war ein Spiegel. In seinem Ausschnitt studierte ich die Verschiebungen der perspektivischen Linien, die durch meine Bewegungen und durch die verschiedenen Standpunkte, die ich einnahm, hervorgerufen wurden. Eines Tages aber entdeckte der Chef diesen Winkel, diese in ein Atelier verwandelte Abstellkammer und improvisierte Höhle; so kam es, daß er meinen Eltern nahelegte, mich lieber zu Hause zu behalten. Nun beschloß ich, um Geld nach Hause zu bringen, mich als improvisierter Lackmaler zu betätigen. Am Ponte dei Miracoli gab es damals - ich weiß nicht, ob es ihn noch heute gibt - einen Möbelschnitzer. Zu ihm ging ich voller Mut und schlug ihm vor, seine hübschen Schächtelchen und Behälter zu bemalen. Er sah mich ziemlich erstaunt an, gab mir aber zwei Stück zur Probe mit. Zu Hause machte ich mich an die Arbeit, trug den Gips auf, polierte alles aufs schönste und malte mit Aquarell Blumen, venezianische Dämchen und all die anderen Sachen, die zum Repertoire der Lackarbeiten eben gehören. Aber, oh weh, die venezianische Lackarbeit hat nichts mit firnissen zu tun, was man als gewöhnlicher Anstreicher so machen kann. Ich schmierte nämlich meine Schachteln mit ganz gewöhnlichem Firnis an. Am liebsten hätte ich noch Kaffee dazu getan, um dem Ganzen ein älteres Aussehen zu geben und jene leichte Patina, die die heute hergestellten Lackarbeiten älter, mehr nach Settecento, aussehen läßt. Damals gab es in Venedig zahllose kleine Lädchen die vom Schächtelchen über Möbel bis zu Spiegeln alles handelten und eine reiche Nachfrage hatten. Heute verschwinden sie mehr und mehr. Das Ganze war ein vollkommener Reinfall. Meine Verzweiflung war so groß, daß ich gern die ganze Schmiere wieder bis aufs Holz abgekratzt hätte. Aber nun war das Mißtrauen im Herzen des guten Mannes erwacht und er zog vor, lieber die beiden Schachteln dranzugeben, als noch einmal einen Versuch zu wagen.

Nun kam ich auf den Gedanken, Volksschullehrer zu werden. Ich hatte einen merkwürdigen Freund, >Schriftsteller( und )Schauspieler< von gleicher sozialer Herkunft wie ich. Wir kauften uns gemeinsam den >Corriere della Sera< und lasen das Feuilleton (Panzini usw.). Mit ihm also beschloß ich, Lehrer zu werden. Ich glaubte, auf diese Weise später genügend freie Zeit zu haben, um das zu tun, was ich eigentlich wollte. Ein Priester, der so lang war wie das Leiden Christi, erbot sich, uns Latein beizubringen und uns die Aufgaben zu stellen, - alles gratis! So sollte ich denn Lehrer werden. Zu Hause sah man mich anfänglich mit rechtem Kummer an, weil ich nichts verdiente, aber als meine Eltern meinen festen Entschluß sahen, wurden sie doch umgestimmt und ertrugen trotz der großen Not diesen meinen Versuch. Nun geriet ich an die Literatur. Ich schrieb selbst einige sonderbare Erzählungen, - aber offenbar war auch das nicht mein Weg. Die Farben, die Pulver, die Farbbüchsen standen bei meinem Vater lockend herum. Mein Vater, der Anstreicher war, brachte mich mit diesem Repertorium immer wieder in Versuchung: - ein Lager von Farben, Tüten, Büchsen ... Erdfarben und manchmal - selten - ein lebhaftes Rot und ein Ultramarin. Schnell Farben mit Wasser angerührt - und ich f and wieder in meine eigene Ordnung zurück. Schließlich war der Wunsch, Lehrer zu werden, ja kein Selbstzweck. So ging auch dieser Plan in die Brüche: - es war unmöglich in dieser Weise zu studieren, mit diesem gutwilligen Priester und so vor sich hin, wie es eben ging.

Wieder machte ich mich auf die Suche nach einer anderen Arbeit und kam zu einem Antiquitätenhändler, Restaurator und Dekorateur, einem gewissen Zennaro. Er ließ mich die scheußlichsten Rahmen seines Ladens abkratzen, bis das Holz wieder freilag und dann kam Gips und ähnliches Zeug darauf. Meine Arbeit aber bestand lediglich im Abkratzen ... Adieu, ihr Ideale! Ich erwartete die Stunden, wo ich aus dieser gräßlichen Höhle entwischen konnte, wie eine Befreiung und ging in die Abendschule. Endlich gab ich auch diese Arbeit auf. Und so kam es, daß ich mich eines Tages ohne großes Aufheben im )Atelier( des Malers Armando Tonello wiederfand. Ich war etwa dreizehn Jahre alt. Über meinen Gemütszustand zu berichten, als ich in dieses Atelier eintrat und die Bande vergnügter und warmherziger venezianischer Maler kennenlernte, würde zu lange dauern. Vielfältige und bunte Erfahrungen im venezianischen Licht! Da kamen sie daher; das Modell war da - wenn es posierte, schickten sie mich nach draußen -, ein schönes, weibliches Modell mit wunderschönen roten Haaren. Der Maler ließ mich oft allein und ich gestehe, daß ich wohl manchmal Angst hatte, aber auch äußerst neugierig war, was sich wohl in den Schubfächern, den Schränken und sonst herum befand. Jeden Tag machte ich neue Entdeckungen. Eine Treppe führte zu einem Hängeboden, dort lagen Bilder aus Sakristeien. Die meiste Zeit war der Maler mit Restaurationsarbeiten beschäftigt und bei ihm erlernte ich ein wenig von dieser Alchemie. Aber ich selbst kam nie zum Malen! Und eines Tages beschwerte ich mich, ewig nur Staub wischen zu müssen. Da erhielten wir eine große Restaurationsarbeit in einem venezianischen Palast und nun rieb ich Farben. Die Maler waren oft bester Laune. Dann ging es runter in die Kneipe zu einem Gläschen und wieder herauf auf die Gerüste. Oft brachten sie auch mir eine Frikandelle mit. Als sie mich dann endlich für reif genug hielten, gaben sie mir wie einem rechten Kunstmaler eine kleine hübsche Palette, einen winzigen Pinsel und vielleicht zwei Farben, - und den Auftrag, Jagd auf die Sachen zu machen, die die Fliegen absetzten und diese mit einem sorgsamen Pinseltupf zuzudecken. Langsam brach meine Moral zusammen. Immer seltener sah mich der Maler in seinem Atelier. Übrigens lernte ich dort auch die ersten Qualen des Modellstehens kennen. Denn dieser arme Teufel von Maler, der liebend gem junge, nackte Frauen gemalt hätte, malte jetzt ständig den jungen Johannes den Täufer. Seine Finanzlage zwang ihn, vom profanen Thema zum heiligen Thema überzuwechseln.

Inzwischen wuchs sich auch die Abendschule zu einem Unglück aus. Es wollte mir nie gelingen, die rechte Kurve eines Tellers gleich der linken zu zeichnen usw. Ständig verdreckte ich meine Papierbögen und eines Abends, als ich noch verzweifelter war als gewöhnlich, nahm ich das verdammte Reißbrett, dies Bett meiner Qualen, und warf es wütend von mir, so daß die anderen Karthäuser-Mönchlein entsetzt von ihren Sitzen sprangen. Nun geriet ich vom Regen in die Traufe! So kam es, daß ich beim Herumtreiben auf einen seltsamen Maler stieß - widerborstig, gewalttätig, ein Einbein mit Krücken, ganz apokalyptisch. Er hatte sein Hauptquartier in einer Fischbratküche aufgeschlagen. Ich werde gleich sagen warum. Er war eine ganz aus der Bahn geworfene Figur. Einer rieb ihm die Farben und ein anderer Gauner hatte den Auftrag, die Bilder zu verkaufen, die natürlidi nur wenige Lire einbrachten. Der Ertrag wurde aufgeteilt. Ich habe die Höhen und schrecklichen Tiefen dieses armen Malerlebens miterlebt. In diesem Winter war er aus seiner Stube gejagt worden, weil er nicht zahlen konnte. Er hatte seinen Mantel verpfändet und mußte nun draußen im kalten Wind malen. In der Fischbraterei hatte er Unterschlupf gefunden, im Geruch der gerösteten Fische. Aber beim Morgengrauen mußte er hinaus. Kurz und gut, - ich machte die Sache des humpelnden Malers zu meiner eigenen und wurde sein Gehilfe. Ich erinnere mich noch, wie wir auf der Gasse die Farben reiben mußten, weil die Frau des Fischbraters nicht wollte, daß wir den Laden verschmutzten. Jeden Morgen, manchmal auch zweimal am Tag, mußte ich mit Rücksicht auf das Geschrei des bösen Weibes die Palette auf diese Weise herrichten. Damals sah ich in härtester Wirklichkeit, was es hieß, diesen Weg einzuschlagen. Nie werde ich diesen armen Maler vergessen, der tagtäglich hart arbeiten mußte, um sich und seine )Truppe( am Leben zu halten! Manchmal standen wir an den Zattere im Wind und in der Kälte und ich mußte ihm seine wacklige alte Staffelei halten. Endlich kam man dann wieder in die Fischbratküche, in die warmen Wellen der fetten Gerüche, wie in eine Schutzhütte. Und wie er sich bewegte! Das Ein- und Aussteigen in den Fährgondeln, mit dem ganzen Malgerät, im Wind, im Winter. . . Wer kannte ihn in Venedig nicht? - den >Zampa<, wie er allenthalben hieß. So erfuhr ich, wie man um 5 oder 6 Uhr morgens im vollen Winter vor die Tür gesetzt werden kann ... Und da war nichts zu machen! Mochte der Besitzer des Ladens auch noch soviel Mitleid haben, um sechs Uhr mußten die Fische zugerichtet werden und der arme Zampa mußte aus seinem improvisierten Nest heraus, - heraus aus diesem Rattenloch. Ich war vielleicht vierzehn Jahre alt. Zampa machte sich eines Morgens davon. Später hörte ich noch viele andere Geschichten über ihn.

Zu Haus' warteten alle vorwurfsvoll, was aus mir werden sollte. Nun gab's in meiner Familie einen besonderen Hang zu Malern. Er war darauf zurückzuführen, daß eine Schwester meines Vaters, Maria, den Neffen des berühmten Malers Antonio Mancini geheiratet hatte. Er hatte sie kennengelernt, als er eine Ausstellung Mancinis auf der Biennale einrichtete. Ich erinnere mich gut an Onkel Alfredo Mancini, wie er in Venedig auftauchte. Das eine Mal kam er mit einem Affen, ein anderes Mal mit einem Wolfshund, der uns allen einen gehörigen Schrecken einjagte. Das waren die )reichen Verwandten<! Die entsprechenden literarischen Ausschmückungen besorgte meine Großmutter irn Jahresablauf. Großmutter hatte immer in ihrem Herzen den Gedanken gehegt, daß einer ihrer Enkel Maler werden müßte. Ich erinnere mich noch an ihr beständiges Interesse an meinen ersten kindlichen Versuchen und an die Liebe, mit der sie meinen Herzensergüssen zuhörte. Auch schob sie mir immer ein paar der wenigen Pfennige zu, die sie von ihren Kindern oder besser, von der )reichen römischen Tochter(, bekam. Sie war auch mein erstes Modell. Um aber bei der Wahrheit zu bleiben, - alle meine Geschwister mußten diese Qual über sich ergehen lassen. Die teuflischsten Pläne ersann ich: - Ich kaufte ein Täfelchen Schokolade und lockte den Bruder oder die Schwester, die gerade daran waren, auf den Dachboden. Dort legte ich die Schokolade verführerisch aus, hoch genug, um nicht erreichbar zu sein, verlangte aber als Gegenleistung eine feste Pose für unbestimmte Zeit. Manchmal geriet ich über das mangelnde Stillhalten des Modells so in Wut, daß ich es einfach festband. Eines Tages entdeckte meine Mutter die Sache und war darüber sehr erschrocken. Ich glaube, sie hat es mir nie verziehen. So mußte ich mich denn an schlafende Modelle halten und da war meine herzkranke Großmutter die Geeignetste. Viele Zeichnungen von Schlafenden gibt es aus jenen Jahren.

Meine Großmutter hatte schon vor Jahren eine Rolle meiner Kohlezeichnungen nach Reproduktionen von Velasquez dem alten Mancini, dem berühmten Maler, geschickt, der damals noch lebte. Sie hatte aber nie eine Antwort erhalten. Damals war ich noch nicht zehn Jahre alt. Jedes Jahr aber kam das Ehepaar Mancini nach Venedig, um Großmutter zu besuchen. Und während Tante Maria bei ihrer Mutter blieb, spazierte der Onkel neugierig in Venedig herum. Eines Tages, durch meine Widerborstigkeit neugierig gemacht, wollte er einmal sehen, was ich eigentlich könnte. Er zog mich unter dem Bett, wo ich mich versteckt hatte, hervor, kaufte mir ein Skizzenbuch, und da saß ich nun im Handgemenge mit einer Zeichnung nach einem Taschenkrebs. Er war vom Resultat höchst verblüfft und ging mir seit jenem Tag nicht mehr von den Fersen. Auf diese Weise sammelte er eine ganze Reihe von Zeichnungen - Innen- und Außenansichten von Kirchen, Tuschen, venezianische Ansichten, die er dann nach Rom mitnahm, wo sie großes Staunen hervorriefen, weil keiner glauben wollte, daß es sich um Zeichnungen eines Fünfzehnjährigen handelte. Trotz der Versprechen aber, die Onkel Mancini meiner Großmutter machte, zogen sich die Dinge hin. Die Einladung, nach Rom zu kommen und im Hause Mancini zu studieren, ließ auf sich warten. Ich zeichnete indessen weiter in den Kirchen. Und plötzlich, wie es Gott so wollte, tauchte Onkel Alfredo mitten im Winter in Venedig auf.

Hübsch hatte sich das meine Mutter ausgedacht: - ohne Zaudern hatte sie die frühreifen und bedrohlichen Verlängerungen, die mit mir, der sich schon seinem Ziel von 1,92 in mit größter Eile näherte, vor sich gingen, bedacht, und hatte den Ärmeln meiner Jacke einen Zusatz gegeben, indem sie am Saum des bereits vorhandenen Ärmels einen )Puls(, wie sie das nannte, ansetzte, - »schließlich aus dem gleichen Stoff und auch im Muster passend«. Welche Enthüllungen aber brachte das Licht der Sonne ... und ich hatte doch nur eine Jacke! Ich glaube, daß mein geheimes >Dandytum< auf diese Zeit zurückgeht oder mindestens auf ähnliche Ursachen. Wirklich wurde mir die Ungewöhnlichkeit von Mutters Maßnahme erst in Rom klar, als ich bemerkte, wie sehr ich damit auffiel. Glücklicherweise befand sich unter den Hilfeleistungen Onkel Mancinis auch ein neuer Anzug. Eines Abends also verabschiedete ich mich auf dem Bahnhof von Venedig von Vater und Mutter. Onkel Mancini legte in Florenz Station ein, um mir Masaccio, die Uffizien, Giotto, ein bißchen von allem zu zeigen ... Dann in Arezzo Piero della Francesca. Zweifellos lösten diese Auseinandersetzungen neue Gedanken in mir aus. Eine Reihe von Pastellen entstand, die die Auseinandersetzung deutlich zeigen: von der venezianischen Lichtmalerei im Sinne von Piazetta und Tintoretto kam ich jetzt zu einer synthetischeren Weise und zu einer festeren Struktur, die deutlich den Einfluß des florentinischen Quattrocento zeigten. in diesen Jahren lag der nachmetaphysische Stil von Carrà und Sironi in der Luft. Ich hatte das nur in meiner venezianischen Barockumwelt nicht bemerkt.

In Rom geriet ich in ein sehr gefährliches Milieu. In der Villa bei den Terme Deciane war alles noch erfüllt vom Nachhall der Kunst des alten Mancini, Freundschaften, Einflüsse, die an diese Art von Erziehung und Gesinnung gebunden waren. Mein Onkel dachte fürs erste an meine schwankende Gesundheit und unterwarf mich einem Regime aus Gymnastik und Orangensaft. Als er es schließlich für richtig hielt, brachte er mich zum Direktor der Akademie, zu Carlo Siviero. Als dieser meine Arbeiten sah, meinte er, daß es für mich gar nicht nötig wäre, im akademischen Sinne die Schule zu durchlaufen und daß ich lediglich arbeiten müßte. So improvisierte ich mir irn Hause Mancini ein kleines Atelier und begann verbissen und unter größten Schwierigkeiten in Öl zu malen. Zwischendurch besuchte ich morgens und abends den freien Abendakt in der Via Margutta. Dort lernte ich den sizilianischen Maler Saro Mirabella kennen und bald wurden wir die besten Freunde und tauschten viele Erfahrungen und nützliche Gedanken aus. Während der Monate, die ich im Hause Mancini bei den Terme Deciane verbrachte, reisten Onkel und Tante mit mir auch nach Neapel, anläßlich der großen Ausstellung neapolitanischer Malerei, die 1937 dort gezeigt wurde. Noch heute bin ich ganz verblüfft, wie fremd die neapolitanischen Maler der eigenen Zeit gegenüberstanden. Ich erinnere mich nicht, besondere Eindrücke empfangen zu haben. Die ganze Lage wurde für mich immer schwieriger. Das ewige Gebade, die Krawatten, der pflichtschuldige Dank für die Besuche bei dem Wunderkind und die langsame Ausbildung eines wacheren Bewußtseins gegenüber der eigenen geschichtlichen Zeit brachten es mit sich, daß ich endlich auf und davon ging und zwar in, so brüsker Weise, daß es fast undankbar schien.

So kehrte ich nach einem römischen Jahr wieder nach Venedig zurück. Hier war meine Familie recht erschrocken über meine Rückkehr; aber die Mancinis zogen bald darauf selbst nach Venedig und auf die inständigen Bitten meiner Mutter halfen sie mir noch ein Weilchen weiter. Dennoch waren auch sie ziemlich beunruhigt, weil sie gar nicht begreifen konnten, daß ich, anstatt ausschließlich zu malen, eifrig die Bibliothek der Marciana besuchte, und Philosophie und Religionsgeschichte trieb. Bald entdeckte ich auch die Bibliothek Querini-Stampalia. Nehme ich den Faden auf, an dem ich mich selbst entlang bewegt hatte, das heißt längs einer herkömmlichen bildnerischen Tradition und überdenke heute ihren kulturellen Bildungsweg, so verstehe ich wohl, daß mein Wunsch nach bewußter Anschauung und diese ganzen Krisen für sie unbegreiflich waren, - ein >wahres Verzetteln(. Das alles betrübte meine ganze Familie, die sah, wie Schatten auf das Gestirn fielen. Aber ich hielt durch.

Dennoch fuhr Onkel Alfredo fort, von meiner Arbeit soviel wie möglich vor meiner bilderstürmerischen Wut, die mich in jenen Jahren oft überfiel, zu retten auch vor den Mäusen und vor jenen >Beutemacher<, die in bösen Zeiten immer in die Ateliers der Maler eindringen. Auf diese Weise sammelte er eine Menge von Zeichnungen, Gouaches, Leinwänden, Manuskripten usw., Dokumente aus jenen ersten Jahren meiner Entwicklung. Viele Jahre danach, als er die Gewißheit haben konnte, daß es nunmehr sicher sei, übergab er mir dies ganze Material. Noch heute frage ich mich, wann und wie er eine derartige Menge hatte zusammensammeln können, da ich ihn doch damals so selten sah.

An einem jener Morgen aus Trübsinn und Einsamkeit im winterlichen Venedig, der keinen Trost bieten wollte, lernte ich einen jungen Südtiroler kennen: Hermann Pircher. Er kam in meine Nähe und ich ging ihn sogleich direkt an: »Was treibst Du?« Er war mir schon aufgefallen, weil er mit großen Augen in der Marciana vor mächtigen Bänden mit Zeichnungen von Raffael und Michelangelo saß. Wir wurden gute Freunde und nun kamen Tage um Tage voll innerer Spannung. Erhoben und erregt liefen wir auf den vereisten Steinen des Kais der Zattere auf und ab. Ich erklärte ihm die Byzantiner, von deren ganz anderer Kultur er nicht das Geringste verstand. Hier lag auch die Geschichte mit den Konserven irn Spie1. Sein Vater schickte ihm,jeden zehnten oder zwölften Tag ein Lebensmittelpaket mit Sachen, die für uns wie geschaffen waren. Er war Inhaber eines Restaurants in Bozen und legte jeweils auch ein bißchen Geld bei. Pircher studierte in Venedig bei Saetti, aber das wurde ihm bald über und wir fanden schnell eine Lösung: wir verließen Venedig und gingen nach Florenz. Meine Familie hatte sich damit abgefunden, mich endgültig verloren zu sehen.

Wir richteten uns also in Florenz ein. Ich war fast neunzehn Jahre alt. Viel könnte ich über die florentinischen Erfahrungen erzählen. Man nannte uns Don Quichotte und Sancho Pansa. Tagelang trieben wir uns in der Toskana herum, lagen, den Bauch in der Sonne, an den toskanischen Mäuerchen und sahen die Oliven und die schwingenden Hügel ... Durch unseren Kopf liefen Gedanken über Savonarola, über Masaccio oder Giotto. Dann kauften wir uns einen der schmalen Brotwecken und aßen ihn mit Salz und gutem Olivenöl. jene Tage zählen in meiner Erinnerung zu den glücklichsten.

Wir hielten strenge Disziplin. Aus einem scheußlichen Raum, den wir in einem aufgelassenen verfallenen Kloster - dem >Conventino< - f anden, schufen wir unser Atelier aus dem Nichts. Der >Conventino< war ein verkommenes Gemäuer im proletarischen Viertel von San Frediano, das in diesen Jahren armen Teufeln von Malern, aber auch Huren und Vagabunden als Unterschlupf diente. Dort fanden wir billigste Unterkunft. Meistens aber waren wir auf der Straße: das ist der wichtige Punkt! Schnell durchlebten wir die widersprüchlichsten Erfahrungen ... der merkwürdige Faschismus von Rosai! Hermann regte mich zu weiten Gedanken über den deutschen Romantizismus an, die für mich schon so etwas wie einen Durchbruch bedeuteten. Schiller - das war für mich ein Bruch mit dem klassizisierenden Formalismus, der damals im Schwange war. Es stimmt schon, daß es damals in Italien Scipione und Mafai gab, aber wer wußte schon von ihnen. Da war also die Straße, unser Leben im proletarischen Stadtviertel von San Frediano, die faschistischen Restbestände und darum das ganze Leben, das sich dagegen empörte und das durchaus eine andere Sache war. Sehr schnell durchschaute ich diese ganzen Randbezirke und daraus entwickelte sich in mir eine soziale Einstellung, die sich sehr vom allgemeinen Optimismus der Zeit unterschied. Der romantische Umstand, uns so allein zu empfinden, half zweifellos zur Ausbildung dieses Gefühls. Aber es gab uns auch das Wohlgefühl, allein zu sein. Auch als wir in die freie Aktklasse gingen, wollten und suchten wir dieses Alleinsein. Wir besuchten die Malschule von Silvio Pucci, - es war schön, sich so verschieden von allen anderen zu wissen und zu wollen. Damals bewirkte dieser erlebte und hellsichtige Einblick in die soziale Lage, daß ich zu einer bildnerischen Synthetik kam, die schon eine Ahnung von Permeke in sich trug, den ich aber noch gar nicht kannte: - Akte, Interieurs, arme Leute, eine Auseinandersetzung, die vorwiegend um den Menschen ging. In den Wirtshäusern, in die wir zum Essen gingen, lernte ich einige Typen von Antifaschisten kennen, - Maler, Intellektuelle.

 

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Umschlag einer Kunstzeitschrift vom April 1939,. Ein "Übermensch" marschiert, zwei Figürchen salutieren mit Faschistengruß Der italienische Pavillon auf der Weltausstellung in New York im Jahre 1939

Schließlich kam der Herbst 1939 und Hermann und ich beschlossen, in seine Heimat zu ziehen. Seinem Vater fiel es schwer, uns in Florenz noch weiter zu helfen; er sah aber unsere Freundschaft gern. In seinem heimatlichen Südtirol fiel mir auf, daß Hermann viel mit der Natur sprach. Er war ein sonderbarer Mensch, durchtränkt von Symbolismus; in den Wäldern wurde er ganz verrückt. Er wußte all' ihre Wunder zu beschreiben, man brauchte ihm nur in die Augen zu schauen und verstand sein ganzes Reden, kurz - ein rechter Nachfahre von Egger-Lienz. Wir liefen durch die Täler des Sorrentino, wo ich die berüchtigten Knödel und die unmöglichen Suppen kennenlernte, aber auch den Geruch der herbstlichen Äpfel und die große Stille dieser Landschaft mit den schon verschneiten Bergspitzen, die für Hermann etwas Mythisches hatten. Ich lebte aus seiner Wirklichkeit, oder besser: aus seiner Tradition von Wirklichkeit. Von jener Romantik glaube ich mehr als nur eine Ahnung im Blute zu haben. Ich erinnere mich an eine schöne Ausgabe von Rembrandts Radierungen, die Hermanns Vater ihm geschenkt hatte. Mit Rembrandt war ich schon früh vertraut geworden, seit meinem sechzehnten Lebensjahr. Im Hause Mancini war ich beim Durchblättern der Kunstbücher, die dem verstorbenen Maler gehörten, auf ihn gestoßen.

Als wir dann endlich nach Venedig zurückgingen, stellten sich in unserer Freundschaft Spannungen ein. Hermann lebte mit mir im Hause meiner Familie. Ich wurde immer nervöser, heftiger und aufsässiger. In diesem Zustand machte ich viele Zeichnungen, in Tusche, Kohle und Pastell - Bilder aus dem Gespenstischen jenes Lebensaugenblickes: - ein Selbstbildnis auf dem Bett, meine Brüder, Hermann im Zimmer . . . Dazu kamen heftige Auseinandersetzungen mit faschistischen Freunden, - Zeichen eines dialektischen Umbruchs. Eine panische Angst, ins Heer gepreßt zu werden, erfaßte mich. In einer der damaligen offiziellen Nachwuchsausstellungen heftete ich im letzten Augenblick mit Reißzwecken ein paar Zeichnungen an, die die ganze Sorge und das moralische Elend zeigten, die ich bei der ärztlichen Musterung ausgestanden hatte. Eines Abends explodierte die Spannung zu Hermann sehr böse. Ich warf ihm einen Schuh an den Kopf. Hermann ließ sich für vierundzwanzig Stunden nicht mehr sehen und entschloß sich abzureisen. Ich war damals in einer ganz unmöglichen Verfassung. Hermann erzählte mir, daß ich irn Schlaf laut mit mir redete. Es faszinierte ihn, erschreckte ihn aber auch und die Nerven gingen mit ihm durch. Ich lebte in äußerster Erregung. Viele Jahre sah ich Hermann nicht mehr. Heute weiß ich, daß er die Malerei aufgegeben hat und Birnen in der Provinz Bozen züchtet, - dieser Mann, der nach meiner Meinung mehr hätte leisten können als viele, viele andere. Zeichen äußerster Gewissensskrupel? - Als ich ihn im September 1954 in Venedig wiedersah, wiederholte er immer wieder, daß man, um Maler zu sein, ein Löwe sein müsse.

Die allgemeine Atmosphäre wird immer drückender. Ich stelle einen Antrag bei der Stiftung Bevilaqua la Masa wegen, eines Arbeitsraumes. Ich erhalte ihn. Die Ateliers werden den ärmsten Malern von Venedig zur Verfügung gestellt. In dieser Hinsicht bin ich genügend ausgewiesen. Ich beziehe also eine der Dachkammern des Palazzo Carminati. Die Mauern der mittelalterlichen Treppen sind mit Schriftzügen bedeckt, wie die Mauern der Gefängnisse. Wenn sich die Tür hinter Dir schließt, schließt sich auch dies bißchen Welt, das hinter Deinem Rücken bleibt.

Das Atelier besteht aus vier Wänden ohne Fenster. Mit Hilfe einer Leiter kann man aus dem Dachfenster Venedig von oben betrachten. Wie oft habe ich dies Venedig angesehen und mit ihm gesprochen ... schneidende, harte und zögernde Gespräche. Über meinem Kopf das Glasdach. Wenn es regnet, tönen aus zehn, an den strategischen Punkten verteilten Blechbüchsen die Noten dieses Elends. Über die Dachkammern dieses venezianischen Palastes gibt es bereits eine ganze Literatur. Die Maler der Lagune sind dort hindurchgegangen. Einige haben sich umgebracht, andere sind verrückt geworden und die Glücklichsten haben gemacht, daß sie davonkamen. Das ist wortwörtlich so. Heute ist der Palast auf Grund sozialer Hilfsmaßnahmen nicht mehr der Ort des äußersten Elends. Heute gibt es da eine Dusche, Telefon, angestrichene Wände, Sauberkeit und Schildchen an den Türen.

Anläßlich der erwähnten Jahresausstellung für junge Maler - den >Littoriali< in der ich meine Zeichnungen zeigte, ließen mir der damalige Kultusminister Bottai und andere venezianische Persönlichkeiten sagen, daß diese Zeichnungen nicht hätten ausgestellt werden dürfen, wegen ihrer ausgesprochen defaitistischen Gesinnung. So sehr ich physisch auch am Ende war, antwortete ich, daß sie keine >Gesinnung< bezeugten, sondern daß ich es so gesehen, erlebt und gemacht hätte. Einige dieser Zeichnungen wurden verkauft; Ferruccio Asta erwarb sie.

Mein Leben lief so ab. - jeden Tag ging ich vom Palazzo Carminati in die >Libertà< zum Essen. Das war eine Trattoria, in der mehr oder weniger bewußte Antifaschisten verkehrten. Die Wirtin hatte selbst ihren Mann in der Verbannung. Zwischen der Wirtin, dem Besitzer der Wirtschaft Attilio Spina, seiner Frau und mir entstand bald eine gewisse Solidarität: - ich sollte bezahlen, wann immer ich könnte. So ließ sich bis zu einem gewissen Grade mein dramatisches finanzielles Problem lösen. Ab und zu verkaufte ich etwas für ein paar Lire Das reichte, um gelegentlich die Schulden loszuwerden. In jener Zeit war ich mit allen Menschen völlig zerfallen. Die meiste Zeit des Tages war ich allein. Lange schon half mir aus meiner Familie keiner mehr. Sie konnten es auch einfach nicht. Ich ging ihnen deshalb aus dem Wege. In mir lagen also die günstigsten Voraussetzungen zum Rebellen. Die Ergebnisse meines Philosophierens und Nachdenkens erhärteten erschütternde soziale Dokumente. In dieser Kneipe herrschte eine wahrhaft aufsässige Atmosphäre.

Zwischendurch stellte ich in der Galerie Ongania aus - Arbeiten mit expressionistischer Tendenz, Akte alter Männer, Mädchenakte, Stilleben mit Kreuzen und Totenköpfen, gemalt in einer spannungsreichen und erregten Pinselschrift. Der Maler Saetti, der in der Jury saß, lehnte bei der Jahresausstellung meinen Akt eines alten Mannes als zu abstoßend ab. Auch einige Zeichnungen, die ich aus Florenz mitgebracht hatte, zeigte ich - dort - es waren jene halluzinierten und synthetischen Zeichnungen, die an Permeke erinnerten; ich erwähnte sie schon. Im Palazzo Carminati malte ich auch die Bilder, die in der Fachverbandsausstellung von 1941 gezeigt wurden: - >Der Fischer< (Sammlung Cardazzo), >Die Familie des Säufers< ( (Sammlung Asta) und ein anderes Bild, das die Stadt Venedig kaufte. Diesen Erfolg verdankte ich dem Maler Cesetti, der sich begeistert für meine Bilder einsetzte. In der Galerie Ongania stellte ich immer wieder Arbeiten aus, die ich in diesem Atelier malte.

Inzwischen kam die Ausschreibung des großen Kunstpreises von Bergamo: der Premio Bergamo. Ich war vom Wehrdienst zurückgestellt worden. Man hatte midi für sechs Monate freigestellt und das ging dann so weiter. Irgendwie fand ich immer einen Weg, nicht in den Krieg zu müssen. Meine antifaschistische Gesinnung erlaubte mir nicht, bei diesem Unternehmen aktiv zu werden. Später sollte ich es werden und auch eine Verwundung davontragen.

Was tat sich. in diesem Zeitraum in Venedig? - 1940-1942! Da gab es Maler, die für die Mosaiken der für 1942 in Rom geplanten Weltausstellung arbeiteten oder gar für die Kirdie dieser >Esposizione 1942<. Pizzinato war aus Rom gekommen und hatte als Mitbringsel die vertrockneten Blumen Maffai mitgebracht, die wir dann in der Galerie Ongania sahen. Santomaso bewegte sich zwischen Morandi und Braque und ging zusammen mit Minassian die Lektion der Byzantiner durch.

Premio Bergamo 1942! Ich schickte drei Arbeiten dorthin: >Kleines Café No. 1<, >Kleines Café No. 2 < und ein >Stilleben<. In den Büchern der Bibliothek der Biennale hatte ich Reproduktionen von Rouault und von Vlaminck gesehen, Werke von einer dichten Farbe, wo die nachimpressionistischen Erfahrungen bereits Bildstrukturen und Umkehrungen der Pläne anrührten, die von Cézanne bis zum Expressionismus reichten. Der Prernio Bergamo war das stillschweigende Zusammentreffen der fortschrittlichsten Kräfte, die sich damals in Italien fanden. Die äußerst gespannte Atmosphäre am Tage der Eröffnung ist mir noch in deutlicher Erinnerung. Das war eine wirklich anarchische Stimmung: Teller, die durch die Luft flogen, Explosion der Gläser, die gegen andere Gläser stießen, ein Faschist im Schwarzhemd zog auf dem Gipfel der Aufreffung seinen Dolch heraus, um ihn mir in den Rücken zu stoßen. Ein Klima der Verschwörung lag über der Tischgesellschaft. Darunter waren Leute wie Migneco, Guttuso, Birolli, Apollonio, Treccani usw. ... Elio Vittorini! Eine merkwürdige Zusammenkunft der intellektuellen Kräfte des Antif aschismus anläßlich einer Ausstellung eines Malerpreises, der zwar durch Faschisten gestiftet worden war, aber nun geradezu >offizieller< Startpunkt des künstlerischen Antifaschismus werden sollte. An den Nachmittag jenes Tages erinnere ich mich deutlich. Wir saßen im Hotelzimmer, mindestens zu zwanzig zusammen, in einer Atmosphäre zwischen Massaker und Chaos: - gewiß kein erbauliches Symbol für Struktur und Organisation, für Willenskraft und Ordnung, die einem Volke, das imperialen Gedanken anhing, zukamen oder zukommen sollten. Immer, wenn mir diese Stunden in Erinnerung kommen, erkenne ich in allen Ereignissen dieses Tages und in den einzelnen Gesten einen echten Symbolwert. Wie Vittorini zum Beispiel das Hotelbett auseinandernahm, wie er, wenn es ihm möglich gewesen wäre, das ganze Zimmer und alles darüber hinaus abmontiert hätte ... das war solch eine aufschlußreiche automatische Geste, einem Apparat gegenüber, der zu zerstören war. Der kleine Platz im oberen Bergamo hat an jenem Tag höchst beunruhigende Episoden erlebt: Zeichen eines mehr oder weniger bewußten Aufstandes. Guttuso hatte mit seiner >Kreuzigung< den Aufruhr entfesselt, und nun lief alles durchaus anders ab als geplant. Obwohl ich noch blutjung war, entschied sich jetzt die Richtung meines Weges. Ich begriff unverzüglich, wo meine Freunde standen. So begab ich mich sofort aus der venezianischen Isolierung heraus und ging nach Mailand.

Eine Mappe mit Zeichnungen hatte ich bei mir, gewaltsame Zeichen und kraftvolle synthetische Flecken mit dynamischen Akzenten. Morosini sagte und schrieb, daß ich Futurist sei und auch wie ein Futurist redete. Das paßte mir natürlich nicht, weil Futurismus damals Flugmalerei - >Aeropittura< - hieß ... Aber Morosini und die anderen Freunde machten mir schnell klar, daß sie den ursprünglichen Futurismus meinten, an dem ich noch heute die revolutionäre Kraft bewundere.

In der Galerie der Künstlergemeinschaft >Corrente< ( - sie trug den Namen ) >La Spiga< - stellte ich diese Zeichnungen aus. Diese Tage brachten viele menschliche Begegnungen, die uns anregten, ein aufständisches Manifest zu verfassen, das in den verbotenen Ausgaben der >Quaderni Rossi< veröffentlicht werden sollte. An einem Abend schrieben wir im Hause von Raffaellino de Grada dieses >Manifest an die Intellektuellen<, das zum Widerstand und zur Revolte aufrief. Das Ziel war, den passiven Widerstand in aktiven Widerstand, in Aufruhr zu verwandeln. Bei uns hatten wir große Photographien von Picassos >Guemica<. >Guemica< wurde so zu einem Teil der italienischen Geschichte. An >Guernica< inspirierten wir uns, von >Guernica< verlangten wir die kraftvollsten Worte, die entscheidenden Impulse. Unser Manifest kam nie zum Druck. Eines Morgens wurde die Galerie durch die Faschistische Politische Polizei (OVRA) durchsucht. Es gelang mir, die Druckfahnen, die auf dem Tisch der Direktion lagen, auf einen Wink der Sekretärin an mich zu nehmen, sie zu verstecken und zu vernichten. Am gleichen Tag wurde Raffaellino verhaftet und wir alle mußten flüchten. So blieb meine erste persönliche Ausstellung außerhalb Venedigs sich selbst überlassen und ich fand mich in Venedig wieder.

In jenen Jahren war ich mit dem jungen Maler Morlotti eng befreundet. Gemeinsame Grundanschauungen verbanden uns und so kam es, daß wir gemeinsam in Mailand einen Geldgeber auftaten, der gerade eine kleine Wohnung mit Bad und allem Komfort gekauft hatte. Der nahm uns unter Vertrag; wir hielten uns aber nicht daran. Es waren die Kriegsjahre. Mailand war bereits bombardiert worden. Unser Geldgeber betrieb Geschäfte auf dem schwarzen Markt, um uns durchzubringen, - Geschäfte aller möglichen Art. In der benachbarten Trattoria war für uns ein offenes Konto eingerichtet. Endlich erlöst von den Problemen der Ernährung und der Materialbeschaffung gingen wir an die Arbeit, in unserer Weise ... und aßen mit größtem Appetit. In Kriegszeiten hat man immer größeren Appetit. Ich aß alles doppelt. Unser Geldgeber verschwand oft für viele Tage. Jedesmal aber, wenn er zurückkam, gab es Klagen, weil wir alle möglichen Studien gemacht hatten, nur keine Bilder, die sich verkaufen ließen. Morlotti war mehr als einen Monat mit Zeichnungen beschäftigt, die nie zum Abschluß kamen. Ich glaube, es waren Studien zu den >Frauen aus Warschau<, die er erst viel später in Bildern realisierte. Ich selbst machte Zeichnungen über Zeichnungen, Versuche, die schließlich unseren armen Freund zum Ruin führen mußten. Es gab erregte Auseinandersetzungen mit unserem Mäzen: »Wenn Ihr wenigstens die Zeichnungen gerettet hättet!« Wir nämlich warfen sie unzufrieden wie Fetzen Papier beiseite. Mehr als einmal sahen wir ihn mit krummem Rücken im Papierkorb herumfischen und noch verwendbare Zeichnungen herausholen. Er ließ sie dann so gut es ging glätten. Später hörten wir von merkwürdigen Verkäufen von gebügelten Zeichnungen und kleinen Temperaskizzen, die unser Geldmann an Leute aus Vercelli getätigt hatte. Die Sache ging böse aus. Eine Reihe von Wirtshausrechnungen, die alarmierender als gewöhnlich waren, brachten ihn in eine solche Verzweiflung um sein gutes Geld, das er doch so gut in uns zwei Verrückten angelegt glaubte, daß er uns wieder in Freiheit setzte.

Ende des Winters 1942/43 traf ich den Maler Turcato. Wir stritten miteinander, verstanden uns aber schließlich bei diesem Wortgeplänkel ganz gut. In Mailand hatte er den Maler Sassu kennengelernt. Auch er lebte von seiner Familie, die in Venedig wohnte, getrennt und schien mir ziemlich verzweifelt. Wir wurden Freunde, obwohl er mir ganz unmögliche Bilder zeigte. Aber ein gewisser scharfer Klang der Farbe war doch vorhanden, eine Palette, die nichts mehr von >pittura metafisica< hatte. Viele Stunden verbrachten wir miteinander, höchst unruhig er, höchst unruhig ich. An den Sonntagen saßen wir den ganzen Nachmittag in der Bibliothek Querini und blätterten Bücher durch. Schloß die Bibliothek, so leisteten wir uns einen >cappuccino<, um zu spüren, daß es Sonntag war. Turcato trug die Rebellion in seinem Herzen. Ich wußte, daß er auch mit anderen Antifaschisten meines venezianischen Bekanntenkreises umging. Es kam zu langen Gesprächen und oft wurde es sehr spät.

Ich hatte damals die Angewohnheit, nachts einen alten zerlumpten Vagabunden in mein Atelier mitzunehmen, - ein großer, knochiger Alter, den ich gern mit einer Figur aus den >Miserables< identifizierte. Nach der ganzen Literatur um den Palazzo Carminati und nach allem, was sich da wirklich ereignet hatte, war es mir lieb, angesichts meiner fantastischen und beeindruckbaren Natur, etwas Lebendiges bei mir zu haben, ein menschliches Wesen, und so hatte sich bald ein stillschweigendes Abkommen zwischen uns ergeben. Da stand er nun und wartete in den späten Nachtstunden auf mich. Manchmal weckte ich ihn auch auf, weil er auf dem nahegelegenen Brückchen eingeschlafen war. Als ich mich entschlossen hatte, ihm mein Atelier >einzurichten<, war ich zu einem Altwarenhändler gegangen und hatte ein ausgesessenes Sofa gekauft, das die scheußlichsten Erinnerungen auf sich trug. Das war das Bett meines Gastes. Er warf seinen Sack beiseite, zündete das letzte Streichholz an, um die Pfeife wieder in Gang zu bringen und schlief dann auf dem Sofa ein. Als eine Art Gegenleistung saß er mir am Morgen für eine Weile Modell, und dann machte er sich für den ganzen Tag davon. Turcato zog manchmal Nutzen aus der Sache. War der Konkurrent nicht da, so kam er zu mir, um warum nicht? - das begonnene Gespräch fortzusetzen. So kam es, daß Turcato sich jene berühmte Krätze holte, die zum Kapitel der römischen Widerstandsbewegung gehört. Der Alte hatte nämlich die Krätze und also auch das Sofa. In Rom steckte Turcato die anderen an. Ein Indiz, um die >Widerständler< dort zu erkennen, hätte damals die Krätze sein können.

Jubel über den Sturz Mussolinis  auf dem Markusplatz am 26.7.1943

Die Dinge liefen folgendermaßen ab: jeder von uns hatte die Gelegenheit wahrgenommen, sich in jenen Julitagen 1943 beim Sturz des Faschismus kräftig zu kompromittieren. Wir hatten die politischen Gefangenen befreit undTurcato hatte am politischen Umbau der Zeitung >Gazzettino di Venezia< den Gorgiarino leitete, mitgearbeitet. Nach den berühmten >vierzig Tagen< und nach der Befreiung Mussolinis mußten wir also flüchten. Mit uns kam Alfredo Michelangeli, der in jenen Tagen aus der Verbannung befreit worden war, und der Republikaner Franco Calamandrei. Damals sahen wir aus erster Hand die dramatische Wirklichkeit Italiens in seiner Auflösung: Offiziere, die als Priester verkleidet waren, und Soldaten, flüchtige Soldaten, in und unter den Zügen, überall! Das erste große Erschrecken! Am Bahnhof von Florenz, während meine Freunde durchschlupfen konnten, fiel ich wegen meines Bartes auf, wurde gestellt und dem Verhör eines deutschen Unteroffiziers ausgeliefert. Wenige Schritte von mir waren schon viele Männer zusammengetrieben, um in die Konzentrationslager abzugehen. Ich sagte dem Unteroffizier, daß ich nie Soldat gewesen wäre, und dieser deutscheste aller Deutschen ließ mich zu meinem höchsten Erstaunen laufen. Ich fand meine Freunde wieder. Sie hatten schon das Schlimmste für mich befürchtet und warteten auf mich in einem Versteck. Plötzlich waren alle über meinen Bart ganz erschreckt. Sie machten untereinander aus, daß der Bart im Namen der italienischen Widerstandsbewegung geopfert werden müsse. Obwohl ich voraussah, daß früher oder später dieses Opfer gebracht werden mußte, hoffte ich doch irn Grunde meines Herzens, den Bart retten zu können. Aber am Abend, als wir uns mit den Florentiner Intellektuellen trafen, begriff ich aus der Angst, die in den Augen von

Bilenchi stand (er war in den >vierzig Tagew der Leiter der florentinischen antifaschistischen Zeitung gewesen), daß mein Bart ein zu auffälliges Kennzeichen war, zu ähnlich einem Carbonaro, und daß er schließlich alle Verschworenen gefährden könnte. Turcato also schnitt mir den Bart ab, mit einem Sadismus, den ich nie vergessen werde. Die Überbleibsel der Missetat verstopften das Waschbecken des Zimmers. Aber damit war das Drama noch nicht zu Ende. Denn wir bemerkten nun entsetzt, daß ein auffallender Unterschied zwischen der Hautfarbe der rasierten Teile und dem übrigen Gesicht bestand. Wir hatten eins nicht bedacht, das mich ebenso verdächtig machen mußte, daß sich nämlich die hellen Hautteile deutlich gegen die von der Sonne verbrannten Teile des Gesichts abheben würden. Mich erfaßte eine derartige Panik, daß ich es gar nicht beschreiben kann. Als rechte Maler aber beschlossen wir schließlich, zur Bemalung zu greifen und versuchten, mit Staub und Farbe die verschiedenen Hauttöne einander anzugleichen. So machten wir uns nach Rom auf den Weg mit der Absicht, über die Kampflinien zu gehen.

In Rom gingen wir sogleich zu Guttuso. Er sagte uns, daß vom >über-die-LinieGehen< gar keine Rede sein könne, daß wir vielmehr in Rom zu bleiben hätten und unverzüglich an die Arbeit gehen müßten, daß es viel zu tun gäbe usw. - So kam es, daß Guttuso den Advokaten Sotgiu. veranlaßte, eine Reihe meiner Bilder zu kaufen, darunter )Beim Friseur(, )Cafe' an den Zartere<, Trau im Bett( und einige Pastelle. Inzwischen wurden wir im Atelier des Bildhauers Mazzacurati einquartiert. Dort hielten wir Verbindung zu den römischen aufständischen Intellektuellen Alicata, Pellegrini ... Dann landeten wir im Atelier des Malers Afro, der zu der Zeit in Venedig war. Die Atelierschlüssel erhielten wir von seinem Bruder Mirko. Die Anweisungen kamen direkt von Guttuso und den Seinen. Unser Atelier wurde das Verteilerzentrum der Untergrundzeitung >Unità<; Turcato und ich hatten sie unter schwierigsten Bedingungen vom Bahnhof abzuholen. Ein guter Teil der römischen Aufständischen kam in dieses Atelier, um sich morgens die Zeitungsexemplare abzuholen. Dort fanden auch unsere Beratungen statt mit Negarville, mit Pellegrini, Guttuso, Fiorentini, Trombadori und anderen. Wenn es ging, arbeiteten wir während des Tages ein bißchen. Ich malte dort Pastelle und einige Bilder, unter ihnen ein kleines Bild >Petruschka<, zu dem mich eine Schall
platte von Strawinsky, die ich im Atelier fand, inspiriert hatte.

Inzwischen vergingen die Tage und die Alliierten kamen nicht voran. Mit Turcato mußten wir jeden Tag etwas Neues erfinden, um am Leben bleiben zu können. Unter anderem erinnere ich mich, daß wir uns ein System ausgedacht hatten, die >Schöne< hinter der Theke mit Lächeln und galanten Worten abzulenken, während der andere die Kuchenstücke verschlang und den Verzehr nur zu kleinstem Teil angab. Dabei kam es auf Geschwindigkeit an. In den Nächten während der Ausgangssperre malten wir große Aufschriften an die Mauern. Um keinerlei Verdacht zu erregen, aßen Turcato und ich in der Höhle der faschistischen Bande vom Palazzo Braschi. Wenn ich daran denke . . .

Aus zwei Gründen mußte ich Rom verlassen. Eines Morgens in der Nähe des Cafe' Greco näherte sich mir ein Kerl und redete mich folgendermaßen an: »Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie würde ich auf der Stelle verhaften lassen.« Ich zog mich, so gut es ging, aus der Affäre, aber hielt es doch für meine Pflicht, meine Kameraden von dem Vorfall zu unterrichten. Bald danach sagte Guttuso nach einer morgendlichen Inspektion der Via Nazionale in einer Art von unbewußtem Automatismus: »Ich habe so große Aufschriften gesehen, daß nur der lange Vedova sie gemacht haben kann.« Ich erschrak zutiefst und begriff sofort, daß jede polizeiliche Untersuchung mich leicht identifizieren würde. Wir besprachen dies alle zusammen und kamen zu dem Entschluß, daß ich und Turcato Rom verlassen sollten, um in der Provinz Latium Partisanengruppen zu organisieren. Aber dann kamen neue Befehle und ich fand mich schließlich in Mailand wieder. Dort traf ich mich mit Treccani und ging dann von Mailand in die Provinz Belluno weiter.

Dort machte ich mich wieder ans Malen, um auch äußerlich die Figur eines Malers glaubwürdig zu machen. De n freundschaftlichen Verkehr mit dem Maler Conversano, der seit langem da lebte, betonte ich vor aller Augen deutlich, so daß kein Verdacht aufkam. Ich beschloß auch, mit ihm gemeinsam eine Ausstellung in Belluno im Albergo Centrale zu veranstalten. Dazu hatte ich mir Bilder und Zeichnungen aus Venedig bringen lassen. Mehrere Abende traf ich mich mit Beniamino del Fabbro im Café: friedliche, sonderbare, aber ganz unverdächtige Intellektuelle. Ich kleidete mich unauffällig und legte eine Lebensweise zutage, die sich etwa zwischen einem Visionär und einem Halbverrückten hielt. Von dort näherte ich mich dann langsam den Bergen und kam schließlich nach Alpago, das sehr bald Ort blutiger Kämpfe werden sollte; die Kirche wurde damals von den Deutschen niedergebrannt.

Bei meiner Herumtreiberei zu Beginn des Winters traf ich Rodolfo Sonego. Gemeinsam beschlossen wir, Verbindung zum Befreiungskomitee von Belluno aufzunehmen. Er wollte allein von Alpago absteigen, um keinen Verdacht zu erregen. Schnell weiteten sich diese Verbindungen aus und schon nach wenigen Tagen hatte sich ein Trupp von Partisanen in den Bergen von Alpago gesammelt.

Dort stieß auch mein Bruder Gino zu mir, der bereits in Venedig aktiv gewesen war, und so begann dann das h arte Leben der Berge als Partisan.

Zuviele Dinge müßte ich aufzeichnen: die Razzien der Deutschen, die Verwundung, die Fluchten, die tragischen Tage, der verzweifelte Winter mit dem absurden Tagesbefehl Alexanders, der uns, die wir heillos kompromittiert waren, riet, wieder nach Haus zu gehen ... In meinem Partisanenrucksack brachte ich eine Mappe von Zeichnungen zurück, die zwar schnell in alle Winde gingen, aus denen ich aber einige Motive für eine Reihe von Partisanenbildern entnahm. Leider war die Sache für mich noch nicht zu Ende als ich aus dem Krieg nach Haus kam. Ich mußte unverzüglich wieder ins Hospital. Nach einer Verwundung hatte ich in sehr schlechtem Zustand aus dem Hospital von Belluno flüchten müssen, und jetzt stellten sich die Folgen ein. Ohne daß ich von einem Wunder reden möchte, verhalfen mir doch höchst merkwürdige Umstände dazu, mich ohne chirurgischen Eingriff zu retten.

Aus dem Krieg war ich ziemlich mitgenommen wieder herausgekommen. Auch moralisch war ich sehr niedergeschlagen. Nur zu schnell mußte ich erleben, wie der Opportunismus und die Zwielichtigkeit der eben vergangenen Zeit wieder an die Oberfläche kamen. Für mich war die Sache noch nicht zu Ende. Mehr denn je mußte man durchhalten. Zu mehreren Malern beschlossen wir, uns zusammenzutun. Daraus entstand der >Fronte Nuovo delle Arti<. Das Manifest wurde am 1. Oktober 1946 in Venedig im Palazzo Volpi unterzeichnet. Diese Gruppe zeigte dann jene Ausstellung auf der 24. Biennale von Venedig, die Marchiori organisierte und die endgültig das Ende der Praktiken des ig. Jahrhunderts bezeichnete und den Beginn eines neuen Abschnitts der italienischen Kunst.

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