Washasi in München
Im dreiviertelstündigen Kunstunterricht der gymnasialen Mittelstufe wird eine alte Fotografie betrachtet. Der Bildhauer Fritz Behn studiert 1908 die Bewegungen von Bogenschützen der Buschleute. Er lernt sie unter der Bezeichnung "Washasi" kennen.
Beim Zeichnen in der neunten Klasse reizen die Unschärfen des Vordergrundes, das flirrende Verschwimmen der angedeuteten Landschaft. Das vorgegebene Bild bedeutet räumliche und zeitliche Ferne.
Bald nimmt die Rötelkreide nähere Beziehung zu den handelnden Personen auf. Die Profilfigur kann in Ruhe beobachtet, mit scharfem Strich untersucht, mit weichen Schattierungen modelliert werden.
Plötzlich springen geheimnisvolle Lichtwirkungen über, öffnen sich verwunschene Räume in der Dünenlandschaft der Kalahari. Eigene Erlebnisse mit der Savanne am Münchner Stadtrand, an den Flußläufen der Amper und Würm mischen sich in die afrikanischen Andeutungen der Vorlage.
Der satte Farbauftrag des weichen Zeichenmediums erlaubt großzügiges, flächiges Vorgehen. Die Betrachtungsweise wandelt sich zwischen ausgreifenden Phantasien und scharfsinniger Übernahme aussagekräftiger Einzelheiten.
Berührungsängste schwinden. Der sepiafarbene Ton legt sich leicht auf die Oberfläche des Papiers, dringt entschieden zupackend, mitunter in kräftigen Hieben in die Tiefe des Bildträgers.
Gestalterische Einfälle des Fotografen lassen sich aufgreifen. Der afrikanische Himmel ist bedeckt. Es treten keine harten Schlagschatten auf. Andeutungen der plastischen Beschaffenheit, der räumlichen Ausdehnung der dunkelhäutigen Körper werden sorgfältig aufgenommen.
Die notwendige Standfestigkeit, die Verteilung stützender und lastender Teile, die federnde Haltung des in höchster Anstrengung angespannten Körpers erschließt sich aus dem zeichnerischen Nachvollziehen, der statischen Logik einer selbst entwickelten Gestalt.
Die satte Spur des weichen, farbstarken Zeichenmediums drängt zu entschiedener Strichführung. Kleinteiliges Vorzeichnen, unentschlossenes Ändern, schwankendes Ausbessern ist nicht ratsam.
Zufall und Glück kommen zu Hilfe. Auf den ersten Schlag, im kurzweilig unternehmungslustigen, selbstverständlich fließenden Zeichentrieb gelingen erstaunliche schöpferische Annäherungen.
Die Überschneidung der beiden Bogenschützen fordert das räumliche Vorstellungsvermögen, verlangt planvolles, überlegtes Vorgehen. Der Gleichklang in den Bewegungen ist im großen Bogen aufzugreifen, oder aus geduldig erfassten Einzelbeobachtungen zusammenzusetzen.
Figur und Grund wollen sorgfältig unterschieden werden. Der Körper erweist sich als bewegliches Gebilde. Obendrei ergeben sich Drehungen und perspektivische Verkürzungen, denen nur mit Geschick oder entschiedener Abstraktion beizukommen ist.
31 Schülerinnen und Schüler müssen ihre Hände waschen und abtrocknen. Arbeiten wollen eilig eingesammelt, an der Korkwand aufgenadelt, fixiert werden, ehe der Pausengong ertönt.
Trotzdem bleibt der Zauber der alten Fotografie, des Traumes vom wilden Leben im afrikanischen Busch, des Abenteuerdranges eines Künstlers der Jahrhundertwende.